Quelle: Birte Zellentin
Freundschaft ist keine Frage des Alters: Gritta Lehrke und Markus Junge reden über alles, was sie bewegt.
Zeit zu zweit
Datum: 27.09.2016
Sie wohnen nur wenige Meter voneinander entfernt. Doch begegnet sind sie sich erst mithilfe des Vereins "Freunde alter Menschen". Er hat die Rentnerin Gritta Lehrke und den Logopäden Markus Junge zusammengeführt. Mittlerweile verbindet sie eine tiefe Freundschaft - obwohl mehr als 40 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen liegen.
Wertschätzung liegt in den Worten von Markus Junge, wenn er über Gritta Lehrke spricht. "Sie ist humorvoll und eine gute Zuhörerin. Ich genieße die Zeit, die ich mit ihr verbringe". Mehrere Male in der Woche besucht er die Rentnerin in ihrer Wohnung. Bei den Begegnungen geht es eigentlich um praktische Dinge: Markus Junge repariert Lampen und Rollläden. Er sortiert Briefe von Behörden und Banken, geht gelegentlich für sie einkaufen und hilft, die Wohnung instand zu halten. Der 43-Jährige ist eine Art Lebenshelfer. "Ein prima Kerl", sagt Lehrke. "Und ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen würde."
Die ehemalige Fabrikarbeiterin ist 85 Jahre alt. Immer größer wird die Herausforderung für die alleinstehende Frau, unabhängig zu leben. Die Gelenkbeschwerden nehmen zu, das Laufen fällt ihr schwer. Doch sie verwirklicht ihren Wunsch von einem selbstbestimmten Leben und wohnt nach wie vor in ihren eigenen vier Wänden in Berlin-Mariendorf. Markus Junge ist dabei eine enorme Hilfe. Das weiß Gritta Lehrke. Und sie weiß auch, dass ihr Nachbar mehr ist, als nur ein Mann von nebenan. Er ist ein Freund. "Es hat ein bisschen gedauert. Aber mittlerweile sagen wir ‚Du‘ zueinander", berichtet sie.
Beide kennen sich fast schon blind und spüren am Tonfall, ob alles in Ordnung ist oder ob den anderen etwas beschäftigt. "Eigentlich weiß ich alles über sie. Und sie wahrscheinlich über mich", sagt Markus Junge, der zwar einen Lebenspartner in Berlin hat, aber ebenfalls allein in seiner Wohnung lebt. Für ihn ist die 85-Jährige eine Frau, die ihm ein familiäres Gefühl gibt: "Als ich aus Hamburg weggezogen bin und meine Eltern und andere Verwandte weit weg von mir wohnten, vermisste ich dieses Gefühl. Ich kann es schwer beschreiben, aber wenn ich Gritta regelmäßig treffe, spüre ich eine Vertrautheit, die ich nur mit wenigen teile."
Ein Faltblatt führt sie zusammen
Kaum vorstellbar, dass sich Gritta Lehrke und Markus Junge wohl nie begegnet wären, wenn es den Verein "Freunde alter Menschen" nicht gäbe - obwohl sie im selben Wohnkomplex leben und denselben Innenhof nutzen. Die Freundschaft beginnt im Sommer 2014. Markus Junge entdeckt ein Faltblatt des Vereins in seinem Briefkasten. "Offenbar wurden Helfer gesucht, die Senioren unterstützen", erinnert er sich. Er meldet sich als Freiwilliger. Von einer Mitarbeiterin des Vereins erfährt er, es gebe eine Frau, die Unterstützung brauche. Kurz danach lernt er Gritta Lehrke kennen. Bei einem ihrer ersten Treffen entdeckt Junge eine defekte Stehlampe im Wohnzimmer. Es dauert nur wenige Minuten und der Logopäde hat die Lampe repariert. "Ich war hellauf begeistert", sagt Lehrke.
Aus Fremden werden Freunde
Markus Junge und Gritta Lehrke sind nicht die einzigen, die der Verein zusammengebracht hat. Aus Fremden hat die Initiative bereits viele Freunde gemacht. Das ist das zentrale Anliegen des Vereins, der seit 25 Jahren Besuchspartnerschaften zwischen jüngeren und älteren Menschen in Berlin, Hamburg und Köln vermittelt. Sein Konzept: Die Besuchspartner gestalten ihre Zeit frei und entscheiden selbst, was sie unternehmen. Im besten Fall entwickelt sich eine Freundschaft, die bis zum Lebensende des Älteren andauert. Neben der Koordination der Besuchspartnerschaften organisiert der Verein Ausflüge, Reisen, Spielenachmittage, Erzählcafés, Sitzyoga-Kurse, Weihnachtsfeiern und Mittagessen. "Wir möchten ältere Menschen vor Einsamkeit schützen und gleichzeitig den Austausch zwischen Jung und Alt fördern. Dabei profitieren alle Beteiligten - ganz gleich, welcher Generation sie angehören", sagt Anne Bieberstein, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Verein.
Wesentlich ist nicht nur der Kontakt innerhalb der Besuchspaare. Auch die Veranstaltungen des Vereins helfen, Freundschaften zu pflegen. Deshalb geht Gritta Lehrke einmal pro Woche zu einem Mittagstisch des Vereins. Obwohl sie körperlich eingeschränkt ist, hilft sie beim Kochen. "Ich schneide Kartoffeln, Zwiebeln, Früchte - einfach alles. Das Gute ist: Ich kann dabei sitzen. Das ist wunderbar." Auch im Alter leistet Gritta Lehrke damit einen Beitrag. Und das tut sie nicht nur beim Kochen. Sie näht zum Beispiel auch Kuscheltiere: Anhand von Zeitungsvorlagen schneidet sie Stoffformen aus und füttert sie mit Plüschgewebe. Die Tiere verschenkt sie an Verwandte, Freunde, Bekannte und auch Bedürftige.
Stofftiere für bedürftige Familien
Gritta Lehrke hat einmal so viele Teddybären genäht, dass sie 2014 mehrere Dutzend davon zuhause hatte. Markus Junge versuchte, die Bären über das Internet zu verkaufen, doch es meldeten sich nur wenige Interessenten. Christl Schwarz, eine Koordinatorin des Vereins hatte schließlich die Idee, die Stofftiere bei einem Weihnachtsfest im Dezember an bedürftige Familien weiterzugeben. "Ich war bei der Veranstaltung nicht dabei", sagt Lehrke. "Es hätte mir nur die Tränen in die Augen getrieben, wenn ich einerseits die bedürftigen Eltern und Kinder und andererseits ihre Freude gesehen hätte. Aber ich bin froh, viele Menschen glücklich gemacht zu haben." Eine Fotokollage zeigt die vielen Mädchen und Jungen und ihre Kuscheltiere. Gritta Lehrke hält die Bildersammlung in der Hand, stolz darauf blickend. Markus Junge sitzt neben ihr und schaut die 85-Jährige anerkennend an.
Respekt und Wertschätzung füreinander: Das ist ein Gefühl, das beide teilen. Und sie haben noch etwas gemeinsam. Gritta Lehrke besitzt eine Katze: Tippsi. Markus Junge hat sogar zwei: Paula und Pedro. Sie sind etwas jünger als Tippsi. Aber die Herausforderungen und Glücksmomente mit den Tieren sind die gleichen. "Über unsere Katzen können wir uns gut unterhalten", sagt er. Reden und Zuhören: Das ist für beide entscheidend. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich für jemanden wichtig bin - und wenn mir jemand wichtig ist", sagt Markus Junge.
Jubiläumsausstellung im Bundespresseamt
Vom 14. Oktober bis 3. November 2016 zeigt der Verein eine Porträtreihe im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Reichstagufer 14 in Berlin. Anlässlich des 25-jährigen Vereinsbestehens hat die Fotografin Birte Zellentin 25 Besuchspaare porträtiert. In inszenierten Raumbildern wurden die Beteiligten in der Wohnung des anderen fotografiert: der Freiwillige setzt sich dabei auf den Lieblingsplatz des Älteren, der Ältere auf den des Jüngeren. Auf diese Weise entstand eine Szene, die zeigt, was die Besuchspartnerschaften ermöglichen: einen gleichberechtigten Austausch auf Augenhöhe und einen Zugang zu einer anderen Lebenswelt.