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Maria Brückl am Akkordeon; im Hintergrund sind weitere Instrumente und eine Urkunde zu sehen Quelle: Horst Winner Ein Instrument fürs Leben: Maria Brückl spielt seit mehr als 80 Jahren Akkordeon.

Mit 92 den Takt angeben

Datum: 05.08.2016

Ein Leben ohne Musik ist für sie unvorstellbar: Maria Brückl ist 92 Jahre alt und eine der ältesten Akkordeonspielerinnen Deutschlands. Als Dirigentin leitet sie ein Münchner Akkordeonorchester mit 50 Musikern. Wann sie Taktstock und Instrument beiseitelegt? Auf diese Frage hat Maria Brückl keine Antwort - nur ein Lächeln.

So oft es geht, spielt Maria Brückl auf ihrem Akkordeon. Sie zieht sich mit ihrem Instrument in ihr Musikstudio zurück, ist dort allein und ganz bei sich. "In meinem Alter muss man in Übung bleiben", sagt sie. Ihre Finger seien mittlerweile etwas langsamer. Deshalb sind ihr diese Stunden wichtig. Allzu viel Zeit hat die 92-jährige Akkordeonistin allerdings nicht für sich: Maria Brückl ist Dirigentin - und viel beschäftigt mit ihrem Orchester. Sie leitet den "Münchner Akkordeon-Club Brückl", ein Ensemble aus Musikern, dem insgesamt etwa 50 Akkordeonspieler aus München und Umgebung angehören.

Höhepunkt ist das Jahreskonzert in der Münchner Musikhochschule. In diesem Jahr findet es am 4. Dezember statt. Unter Brückls Leitung spielt das Orchester Stücke wie "Ich war noch niemals in New York" und "Mit 66 Jahren" von Udo Jürgens oder die "Irische Suite" des ungarisch-britischen Komponisten Matyas Seiber. "Damit jeder Ton sitzt, haben wir bereits im Februar mit den Proben begonnen", sagt Brückl und berichtet von der vielen Arbeit in der Vorbereitungsphase, von vielen falschen Tönen und einigen wenigen kleinen Dramen. Diese nimmt die Dirigentin gerne in Kauf, denn "mit den Musikern nach all den Proben auf der Bühne zu stehen, ist ein Geschenk".

Zusammenspiel der Generationen

Das Münchner Akkordeonorchester verbindet Generationen: Die Mitglieder sind zwischen 10 und 70 Jahre alt. Sie treffen sich mindestens einmal pro Woche, um Musik zu machen. Wie es der 92-jährigen gelingt, die Gruppe zu führen? Dazu kann Renate Pfister etwas sagen. Sie ist Maria Brückls Tochter und gehört ebenfalls zum Orchester. "Meine Mutter hat viel Verständnis. Sie hört zu und hat über all die Jahre ihre Leidenschaft zur Musik bewahrt. All das ist gut für die Harmonie im Orchester." Manchmal kritisiere ihre Mutter zwar - etwa, wenn jemand dauerhaft falsche Töne spiele und klar sei, dass er nicht geübt habe. "Doch bei ihrer Kritik ist sie diplomatisch. Wir sind alle sehr offen miteinander. Und meine Mutter ist diejenige, die diese Offenheit prägt", sagt Pfister. Die 60-Jährige bewundert ihre Mutter für ihren Willen. "Ich bin sehr stolz auf sie. Für mich ist sie ein Vorbild, niemals aufzuhören mit dem, was man gerne tut."

Seit mehr als 80 Jahren spielt Maria Brückl Akkordeon. Wie wichtig ihr das Instrument ist, zeigt sich bereits, als der Krieg noch tobt. In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1943 fallen Bomben auf das Wohnhaus der Familie. Damals ist Maria Brückl 18 Jahre alt. Sie wird aus dem Schlaf gerissen. Mit ihren Eltern flieht sie vom vierten Stock nach unten. Irgendwann bleibt sie stehen, kehrt um und rennt zurück in die Wohnung. "Überall waren Flammen", erinnert sie sich. Sie bahnt sich ihren Weg durch das Feuer und findet es endlich: ihr Akkordeon. Der Dachstuhl und der vierte Stock brennen nieder. Doch ihren Schatz hat Maria Brückl in dieser Nacht gerettet. Und damit alles, was ihr lieb und teuer ist.

Musik spendet Kraft und Hoffnung

Das Orchester zu leiten, verlangt der 92-Jährigen keine Kraft ab. Im Gegenteil: "Wenn es mir schlecht geht oder ich krank bin, sind mein Akkordeon und mein Orchester die beste Medizin." Maria Brückl fühlt sich frei, wenn sie den Taktstock in der Hand hält oder ein paar Töne auf dem Akkordeon spielt. Und sie hat der Musik viel zu verdanken - nicht zuletzt, dass sie im Alter von 21 Jahren ihren Mann Ludwig kennenlernt. Der Akkordeonist gibt ihr Musikstunden. Irgendwann verlieben sich Lehrer und Schülerin ineinander und gründen nach dem Krieg, im Jahr 1945, den Münchner Akkordeon-Club, der von den Mitgliedern heute einfach "der Club" genannt wird.

In den folgenden Jahren bauen Ludwig und Maria Brückl das Orchester und das "Musik-Studio Brückl" auf. Die Einrichtung zieht Akkordeonspieler aus ganz München an. In einer Zeit, in der Deutschland in Trümmern liegt, geben die Musiker Hoffnung und laden zu ersten Konzerten ein. Das Ehepaar Brückl kann bald von den Einnahmen, von Konzerten und Musikstunden leben. Als Ludwig im Jahr 1982 stirbt, steht das Orchester jedoch vor der größten Herausforderung seiner Geschichte. Wer soll die Leitung übernehmen? "Damals brach eine Welt zusammen", sagt Brückl. Doch die Akkordeonspielerin will bewahren, was sie mit ihrem Mann aufgebaut hat, und leitet das Orchester in Eigenregie weiter.

Inspiration für junge Menschen

Heute liegt Maria Brückl viel an der Nachwuchsförderung. Derzeit bringt sie einem 12-jährigen Schüler das Akkordeonspielen bei. Angesichts der vielen Versuchungen unserer Zeit sei es herausfordernd, junge Menschen zu motivieren. Doch die 92-Jährige sagt: "Man muss den Unterricht so gestalten, dass es Spaß macht." Dazu gehört unter anderem, dass sie ihren Schülern die Musikauswahl überlässt und auch moderne Lieder mit ihnen spielt. Auch Renate Pfister kennt die Zeiten, in denen sie Probleme mit der Motivation hatte. In ihrer Jugend verfolgte sie zeitweise andere Interessen als das Akkordeon. Ihre Mutter aber blieb hartnäckig und ermutigte sie. "Manchmal ist ein bisschen Druck gut", sagt Pfister, "und am Ende hat es sich ausgezahlt."

Grundsätzlich ist das Akkordeonspielen einfacher zu erlernen als Instrumente wie Geige, Kontrabass und Schlagzeug. Anfänger können bereits nach ein paar Übungsstunden einfache Melodien auf dem Instrument spielen. Für Kinder sei es deshalb eine gute Möglichkeit, erste musikalische Erfahrungen zu sammeln, erklärt Brückl. "Es ist schön zu sehen, wenn die Kleinen Fortschritte machen." Später würden die Jugendlichen merken, wie ihnen das Akkordeon zugutekomme. Sich zu konzentrieren, Willensstärke zu entwickeln und Niederlagen zu verarbeiten: All diese Fähigkeiten gibt Maria Brückl weiter. Sie ist sich sicher: "Das wird den Mädchen und Jungen im späteren Leben helfen."

Auch der 92-Jährigen hilft die Musik. Vor allem unterstützt sie das Spielen bei der Bewältigung der Trauer um ihren Mann. Vor jedem Akkordeonkonzert besucht sie sein Grab. "Die Musik hat uns früher verbunden. Und das tut sie heute noch." Maria Brückl weiß, dass auch sie die Leitung des Orchesters irgendwann abgeben wird. Vielleicht wird ihre Tochter an ihre Stelle treten. Noch drängt die Frage der Nachfolge aber nicht. Maria Brückl fühlt sich fit und hat - mehr als je zuvor - Spaß an der Musik. Wie lange die ältere Dame noch Akkordeon spielen will? Darauf hat sie keine Antwort. Nur ein Lachen und drei Worte: "Solange es geht."

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