Quelle: Marc Janssens
Forscher im Maisfeld: Marc Janssens liebt das Arbeiten in der Natur.
Unentwegt um die Welt
Datum: 06.07.2016
Bolivien, China, Ecuador, Marokko, der Kongo: Marc Janssens reist um die Welt. Der Landwirtschafts-Ingenieur ist Mitglied des Senior Experten Service, einer Organisation, die erfahrene Fachkräfte in die Welt entsendet. In vielen Ländern unterstützt der 72-Jährige Bauern und Landwirte beim Anbau von Pflanzen. Viele Reisen sind gefährlich. Doch Janssens macht weiter. Warum? "Vielleicht, weil ich verrückt bin."
Kaum ist Marc Janssens aus Bolivien zurückgekehrt, reist er weiter in den Kongo. Dort soll der 72-Jährige in wenigen Tagen ein Forschungsprojekt begleiten. Es gehe um Ölpalmen, sagt er. Die Pflanze wächst etwa 30 Meter hoch und trägt bis zu 6.000 Früchte, aus denen Speisefett hergestellt wird. Von der Kultivierung und Vermarktung der Ölpalme hängt für die Einheimischen viel ab: Arbeitsplätze, Einnahmen und die gesamte Existenz. "In dem Land haben die Menschen nicht viel", sagt Janssens. "Aber das, was sie besitzen, können sie nutzen, um ihr Leben auf eine Grundlage zu stellen."
Der emeritierte Professor reist in den Kongo, um einen Beitrag zu leisten, etwas aus den fruchtbaren Böden herauszuholen und den Menschen zu helfen. Mit seiner Expertise gibt er als Berater für Landwirtschaftsfragen und als Vertreter des Senior Experten Service Ratschläge, wie Saatgut dosiert werden muss, welches Bewässerungssystem für eine Plantage infrage kommt oder welche Mittel nach wissenschaftlichen Erkenntnissen Schädlinge am besten bekämpfen. Dieser Tätigkeit geht er in einem Umfeld nach, das instabiler kaum sein könnte: Im Osten des Kongos wirft Krieg das Land immer wieder zurück. Im Westen herrscht Frieden, doch die Wirtschaft liegt brach. Er könne schwer erklären, warum er mit 72 Jahren solche Reisen auf sich nimmt. "Vielleicht, weil ich verrückt bin", sagt er. Eine andere Erklärung aber lautet: "Gewohnheiten sollte man im Alter nicht aufgeben."
Faszination Kongo
Für Marc Janssens gehört es zur Normalität, fernab der Heimat zu sein. Sein Leben ist eine einzige Reise, geboren aus dem Gefühl, in der Fremde zu Hause zu sein. Ausgangspunkt ist Belgien, wo er im Jahr 1944 zur Welt kommt. Nach der Schule studiert er Landwirtschafts-Ingenieurwesen. In dieser Zeit ist er von dem Gedanken fasziniert, im Kongo die wirtschaftliche und medizinische Entwicklung voranzubringen.
"Ich habe damals von den Tropen in Afrika geträumt", sagt Janssens. Ende der sechziger Jahre reist er zum ersten Mal in das Land. Eine seiner ersten Stationen ist eine Plantage in Mayombe, einer Region an der kongolesischen Küste. Im Anschluss kümmert er sich als Direktor einer Forschungsstation in Ubangi um den Anbau von Kakao und Kaffee. Da ist er gerade einmal 25 Jahre alt. Die Anlage ist etwa 1000 Fußballfelder groß. Belgische und kongolesische Mitarbeiter müssen sich von Janssens, der akademisch einen höheren Rang hat, führen lassen. Anfangs keine einfache Aufgabe. "Die Älteren haben mich kaum ernst genommen. Im Nachhinein kann ich das sogar verstehen", sagt er. Später führt er das Team zusammen, wird von den Mitarbeitern akzeptiert und erreicht erste Züchtungserfolge.
Marokko, China, Australien
Janssens nächste Reise führt nach Marokko, wo er sich um ein anderes Projekt kümmert: Obstbäume pflanzen und den Haschischanbau eindämmen. Es folgen weitere Vorhaben, einige davon in China. In Australien erwirbt er an der Universität Brisbane einen Magisterabschluss. Viele Orte, er kann sie kaum zählen, bereist Janssens in diesen Jahren. Immer an seiner Seite ist seine Frau Ingrid. Sie haben sich 1963 kennengelernt, heiraten und bekommen Kinder. Sie besuchen afrikanische Schulen und wachsen mit den Eltern an den Erfahrungen im Ausland.
Irgendwann aber kommt der Zeitpunkt, an dem Marc Janssens zurückwill. Als der älteste Sohn seinen 18. Geburtstag feiert, stellt sich die Frage, welchen Bildungsweg er einschlägt. Diese Zukunft, das beschließt die Familie, soll in Belgien beginnen. Janssens, der wegen seiner Verdienste in Afrika in Fachkreisen bekannt ist, erhält später ein Angebot von der Universität Bonn. Am Institut für Naturwissenschaften und Ressourcenschutz soll er eine Professur im tropischen Pflanzenbau übernehmen. Der Forscher nimmt an und setzt seine akademische Karriere fort.
Vermittler zwischen Afrika und Europa
Über einen deutschen Kollegen erfährt er vom Senior Experten Service. Es ist eine Organisation, die Fachleute im Ruhestand als Ehrenamtliche in die Welt entsendet, damit diese Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Marc Janssens ist wegen seiner Erfahrung im Ausland und seiner Expertise in der Landwirtschaft prädestiniert, diese Rolle zu übernehmen. 2009 reist er zum ersten Mal im Namen der Initiative ins Ausland. Sein Ziel: wieder der Kongo. Wieder die Region Mayombe. "Irgendwie schließt sich der Kreis", sagt Janssens. Mehrere Male ist er dort, um die kongolesische Kooperative Coprocom zu unterstützen. Diese versucht, in Kooperation mit der gemeinnützigen Gesellschaft Café-Cacao-Congo aus Coburg den Anbau von Kaffee und Kakao wieder auf die Beine zu bringen.
Einst machten Kakao und Kaffee einen Großteil des Reichtums in Mayombe aus. Doch das änderte sich mit dem Anbau von Agrarprodukten, die lediglich der Selbstversorgung der Bevölkerung dienten. In der Folge verarmten die Menschen, sie flüchteten vom Land in die Städte. Marc Janssens unterstützt die Kooperative nun mit praktischen Ratschlägen und seiner Fähigkeit, den Kaffee international zu vermarkten und Verhandlungen mit potenziellen Käufern zu führen. Janssens spricht die Sprache der Europäer, versteht deren Psychologie. Aus Sicht der afrikanischen Kleinbauern ist diese Eigenschaft Gold wert. "Es ist gut, wenn man mit seiner Erfahrung noch etwas bewegen kann", sagt Janssens. In wenigen Tagen steigt der 72-Jährige wieder ins Flugzeug - und er weiß: Bald ist er wieder zu Hause.
Der Senior Experten Service
Mit mehr als 12.000 Mitgliedern ist der Senior Experten Service die führende Entsende-Organisation für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Gegründet im Jahr 1983, vermittelt der SES als Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit weltweit Senioren, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Vornehmlich in Asien und Afrika im Einsatz, unterstützen sie Entwicklungs- und Schwellenländer in ihrer medizinischen, technologischen und ökologischen Entwicklung. Auch in Deutschland sind die Fachkräfte aktiv.
Interessenten können auf der Homepage des SES einen Mitgliedsantrag stellen. Sie sollten unter anderem langjährige Berufserfahrung, die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement im In- und/oder Ausland sowie Fremdsprachenkenntnisse mitbringen. Der SES sucht Experten vor allem in den Bereichen Handwerk und Technik, Handel und Vertrieb, Bildung und Ausbildung, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Verwaltung und Wissenschaft.