Quelle: Franziska Korn
Vokabeln pauken: Sprachpate Rüdiger Schumacher (li.) unterstützt Menschen mit Migrationshintergrund beim Erlernen der deutschen Sprache.
Ohne Improvisation geht nichts
Datum: 04.05.2016
Als im vergangenen Jahr etwa 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland kam, war schnell klar: Wenn man so viele Menschen aufnehmen, versorgen, integrieren will, kann man nicht nach Schema F arbeiten. Vielmehr war und ist eine Fähigkeit gefragt, für die Deutsche nicht unbedingt bekannt sind: Improvisation. Diese Erfahrung hat auch Rüdiger Schumacher gemacht. Statt mit Zahlen und Formeln zu hantieren, hilft der ehemalige Mathematiker und Informatiker jetzt Menschen aus fernen Ländern beim Deutschlernen.
Wenn Rüdiger Schumacher aus Itzehoe in Schleswig-Holstein etwas zu sagen hat, dann tut er das nicht in ein, zwei Sätzen. Nein, der Mann erklärt wortreich und mit viel Couleur, warum die Dinge sind, wie sie sind. "Da muss ich jetzt einmal ausholen", sagt er dann in nordischem Zungenschlag und mit jovialem Ton und geht zurück zu den Ursprüngen. Unwillkürlich fragt man sich: Kann ein so kommunikativer Mensch glücklich sein, wenn er Tag für Tag alleine auf der Couch sitzt und den Vögeln beim Landeanflug aufs Balkongeländer zuschaut? Er kann es nicht.
Schumacher ist 61 Jahre alt, in Altersteilzeit. Seine Frau ist berufstätig, die vier erwachsenen Kinder "grüßen", so sagt er, "aus weiter Ferne". Sicher, Schumacher schmeißt den Haushalt. "Aber", er lacht, "man kann ja nicht von morgens bis abends putzen." Das muss er auch nicht: Er hat für sich ein Engagement gefunden, das ihn so beansprucht, dass Langeweile in seinem Leben kein Thema ist. Der Senior hat das Projekt "Sprach- und Integrationspaten" zu neuem Leben erweckt. Engagierte Menschen üben hier mit Flüchtlingen und Migranten Deutsch, helfen ihnen bei der Organisation des Alltags und unterstützen sie bei Problemen mit Behörden und Institutionen.
Wie alles kam
Oktober 2013: Nachdem er 20 Jahre lang ein Rechenzentrum geleitet und Großprojekte für eine mittelständische Versicherung der Region gemanagt hat, steigt Diplom-Mathematiker und -Informatiker Rüdiger Schumacher gesundheitsbedingt aus dem Job aus. Er will aber aktiv bleiben, hält nach Möglichkeiten Ausschau und bekommt so mit, dass Kirche sowie Kreis und Stadt Itzehoe gerade ein Familienzentrum aufbauen und Menschen suchen, die dabei ehrenamtlich mithelfen. Schumacher steigt ein - zwölf Stunden in der Woche will er anpacken.
Es dauert nicht lange, dann kommen die ersten Flüchtlinge zum Caritas-Migrationsdienst, der im Familienzentrum St. Ansgar angesiedelt ist. Wie ihnen helfen? Schumacher hört sich um, erfährt vom Projekt "Sprachpaten" des Caritas-Migrationsdienstes, das zu Beginn dieses Jahrtausends initiiert worden ist. Mangels Nachfrage ist es inzwischen fast eingeschlafen, jetzt allerdings erweckt Schumacher es zu neuem Leben. Im November beginnt er mit seinem ersten Schüler. Bald kommt der zweite hinzu, die Gruppe sitzt im Foyer und übt Deutsch. Andere sehen das, wollen mitmachen - und nach knapp fünf Wochen ist Schumacher bereits komplett ausgelastet. Der Ehrenamtler stockt auf und findet im Bekanntenkreis Gleichgesinnte, die ihn bei der Flüchtlingsarbeit unterstützen. Das Projekt wächst und wächst und wächst: Zwei Jahre nach dem Start betreuen inzwischen 105 Ehrenamtliche, darunter viele in Schumachers Alter, über 200 Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, aus Somalia, Eritrea und vielen anderen Ländern. Und Schumacher selbst arbeitet inzwischen 30, manchmal auch 40 Stunden die Woche.
Auch einmal ungewöhnliche Wege gehen
Wie kommt ein Zahlenmensch wie Schumacher dazu, anderen die deutsche Sprache beizubringen? "Ich bin natürlich kein Pädagoge", gibt Schumacher unumwunden zu und macht auch keinen Hehl daraus, dass sein ehemaliger Gymnasiallehrer sich "im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, dass ich jetzt Deutsch unterrichte." Aber es geht ja nicht darum, Germanistikstudenten die Finessen des deutschen Satzbaus näherzubringen. Der Ex-Informatiker und seine Mitstreiter versuchen vielmehr, Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und mit völlig verschiedenen Bildungsniveaus einen Grundwortschatz zu vermitteln, mit ihnen die Aussprache von Wörtern zu üben und ganz allgemein ihre mündliche Sprachkompetenz zu verbessern. Die Ehrenamtlichen wollen den neu Angekommenen helfen, sich in ihrem deutschen Umfeld zurechtzufinden und Alltagssituationen sprachlich zu bewältigen. Und für diese Aufgabe brauchen sie weniger akademische Kenntnisse als Improvisationsgabe. Hobbytänzer Schumacher: "Ich habe auch schon mit einem Schüler Wiener Walzer getanzt, damit er weiß, was das ist."
So locker wie er selbst sein Unterrichtstreffen angeht, ist Schumacher auch im Umgang mit den anderen Ehrenamtlichen, die im Projekt arbeiten. Vorgaben, wie Unterricht oder Patenschaften aussehen sollen, macht er ihnen nicht. Sie können bei ihm hospitieren, sie können es aber auch sein lassen und nach eigenen Vorstellungen tätig werden. Sie können die Bücher, die er besorgt hat, nutzen. Oder sie können sich ein ganz eigenes Konzept erarbeiten. Wichtig ist Schumacher, dass sich die Paten wohlfühlen: "Ich möchte, dass sie das gerne machen. Gefrustet ist man schon woanders, im Beruf, in der Familie oder sonst wo. Bei uns aber nicht!" Und deshalb legt er auch großen Wert darauf, dass Paten und Schüler zusammenpassen und die Mitglieder der Lerngruppen - sie bestehen aus höchstens vier Schülern - harmonieren. "Bei der Auswahl kenne ich keine Ethnien und keine Hautfarben", sagt Schumacher. "Aber wenn ich Gruppen zusammenstelle, versuche ich, dass sie ein gleiches Bildungsniveau haben."
Vielfältige Unterstützung
Bei seiner Tätigkeit kann Schumacher inzwischen auf vielfältige Unterstützung bauen. Das Familienzentrum stellt Räume zur Verfügung, Wohltätigkeitsclubs überweisen Spenden für Bücher und Verbrauchsmaterial, die Caritas-Migrationsberatung hilft bei der Organisation. Und dann sind da natürlich die bereits erwähnten ehrenamtlichen Mitstreiter, die mit großem und sogar noch wachsendem Elan ans Werk gehen. Eine Dame, die sich ursprünglich vier Stunden pro Woche engagieren wollte, kommt inzwischen für 16 Stunden, erzählt Schumacher. Und weil ihr das nicht reicht, lädt sie ihre Schützlinge auch mal privat zum Kaffee ein. Diese sind inzwischen zum Teil selbst aktiv geworden. "Zwei meiner Schüler unterstützen mich inzwischen, indem sie als Dolmetscher zur Verfügung stehen", so Schumacher.
Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Fast. Eine Sache gibt es, die dem Mathematiker manchmal zu schaffen macht: mangelnde Disziplin und Pünktlichkeit. "Das ist natürlich fürchterlich deutsch", sagt Schumacher und muss dabei lachen. "Aber wenn Sie Ehrenamtler haben, besonders Berufstätige, die sich ein, zwei Stunden Zeit abknapsen, hier anjagen und dann Löcher in die Luft gucken, weil ihre Schüler nicht kommen, dann ist das unangenehm!"
Das alles ändert natürlich nichts daran, dass Schumacher sein Ehrenamt unglaublich viel bedeutet. Wenn Leute ihn für sein Engagement bewundern, sagt er: "Moment: Ich tue das natürlich für die Flüchtlinge - aber eben auch für mich. Ich habe so viel Spaß daran!" Außerdem habe er eine Menge über andere Kulturen gelernt und Kontakte geknüpft, die er sich vorher nicht hätte träumen lassen. Doch das Beste ist vielleicht die neue Ruhe, die er durch seine Tätigkeit gefunden hat. Zumindest findet sein Frau, so sagt er lachend: "So ausgeglichen wie jetzt warst du in den letzten 30 Jahren nicht mehr!"