Quelle: NicoleSchmidt / Wetterauer Wochen-Bote
Gefragte Autorin: Irmgard Schürgers und ihre Kollegen halten etwa zwei Lesungen pro Woche in Cafés, Büchereien und sogar Friseurläden.
Morde halten fit
Datum: 31.03.2016
Irmgard Schürgers hat Menschen auf dem Gewissen. Allerdings nur in ihren Büchern. 2010 veröffentlichte die ehemalige Redaktionsassistentin ihren ersten Kriminalroman. Heute, sechs Jahre später, arbeitet die 68-Jährige an ihrem vierten Werk. Es geht natürlich um Mord. Wozu der Tod führt? Er hält ihren Geist lebendig.
Auf einem Anwesen feiern Vertreter der Pharmaindustrie ein rauschendes Fest. Hier lernt er sie kennen, hier beginnen sie eine Affäre: Der Pharmareferent Robert Kirchhoff und das Escort-Girl Elena Berton. Er ist verheiratet, der jungen Frau kommt er trotzdem näher. Aus der ersten Begegnung entwickelt sich eine Affäre. Immer mehr investiert er in die Beziehung. Sie will jedoch mehr als romantische Gefühle: Dinner, Schmuck, Auto und eine Wohnung. All das ermöglicht er ihr. Schnell gelangt er an seine finanziellen Grenzen. Seine Ehe leidet. Und plötzlich wird seine Geliebte tot in einem Boot im Hafen aufgefunden.
Die Szene ist der Beginn des unveröffentlichten Romans "Denn sie wissen, was sie tun" von Irmgard Schürgers. "Noch ist der Krimi nicht fertig", sagt die 68-Jährige. Doch die Hobby-Autorin ist zuversichtlich, das Werk noch in diesem Jahr zu veröffentlichen. Die Idee ist ausgereift, die Recherchearbeit abgeschlossen, die Schauplätze sind ausgewählt. Häufig spielen ihre Werke an Orten, die sie kennt. Es falle leichter, sich in bekannte Plätze und Straßen hineinzudenken. Das mache den Text lebendiger. "Auf diese Weise steckt etwas aus meinem Leben in meinen Büchern", so Schürgers.
Ein Schauplatz, den sie in ihrem neuen Roman zur Kulisse macht, ist der Frankfurter Westhafen. Dort kaufte der Pharmavertreter seiner Geliebten eine teure Wohnung. Und hier entdecken die Ermittler die Leiche der jungen Frau. Schürgers ist in Frankfurt am Main aufgewachsen und wohnt heute am Stadtrand. Mit ihrer Familie hat sie vor 20 Jahren dort ihr Vier-Generationen-Haus gebaut. Die Türen stehen den ganzen Tag offen. Es ist laut und umtriebig. Eigentlich keine Atmosphäre, um sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Doch Schürgers liebt die familiäre Unruhe: "Ich bin ein Familienmensch", sagt sie.
Mit 56 an die Uni
Ihre Familie bedeutet ihr viel. Ihre Schwester ist von Geburt an geistig behindert und braucht bis heute viel Unterstützung. Diese bekam sie - auch von Irmgard Schürgers. Die 68-Jährige stellte damals ihren Wunsch, Journalismus zu studieren, zurück. Um die Pflege der Schwester sicherzustellen trat sie in die beruflichen Fußstapfen ihrer Eltern und begann im Fernmeldeamt der Post zu arbeiteten. Aber: "Das war nicht das Richtige. Ich habe mich gelangweilt", sagt Schürgers. Später arbeitete sie als Sekretärin und Assistentin in verschiedenen Verlagen.
Dann wechselte sie zum Umschau Verlag, der 1727 gegründet wurde. In der Redaktion für Modezeitschriften verfasste sie kleine Artikel. Hier war sie glücklicher. Als dem Verlag Anfang 2003 die Insolvenz drohte, ging sie in Frührente und hatte nun die Chance, das zu tun, was sie immer tun wollte: Studieren. Sie schrieb sich an der Universität des dritten Lebensalters (U3L) der Frankfurter Goethe Universität ein. Ohne Prüfungen, ohne feste Studienfachwahl kann dort jedes Seminar und jede Vorlesung belegt werden. Schürgers: "Ich habe schnell gemerkt: Das ist mein Ding." Sie belegte hauptsächlich Seminare zum kreativen Schreiben. Mit Kommilitonen begann sie, Kurzgeschichten, Biografien und gemeinschaftlich Theaterstücke zu verfassen.
Deadline für den Krimi
Es dauerte nicht lange, bis die Dozentin den Seminarteilnehmern vorschlug, Bücher zu schreiben. Sie einigten sich darauf, Kriminalromane zu verfassen. Zwei Jahre lang haben sie recherchiert, geschrieben und lektoriert. Zwischendurch verließ die Gruppe der Mut. "Das schaffen wir nicht", meinte Schürgers damals. Doch Aufgeben war keine Option. Die Seminarteilnehmer bestärkten sich. Was dabei geholfen hat? Eine Deadline. Ein fester Zeitpunkt, an dem jeder seinen Roman fertig haben sollte. Seitdem schrieb sie täglich, sogar nachts. "Es ging auf einmal." Nach zwei Jahren schließlich war er fertig: ihr erster Roman "Kaltherz".
"Schreibt über etwas, bei dem ihr euch auskennt", empfahl ihre Dozentin. Deshalb spielt "Kaltherz" in einem Heim für geistig Behinderte. Der Krimi handelt von einer Begebenheit, die sich in ähnlicher Weise in einem solchen Heim zugetragen haben soll. Es gab Gerüchte. Details gelangten jedoch nicht an die Öffentlichkeit. In Schürgers Roman wird der Tod eines jungen Heimbewohners aufgeklärt. Was sie in ihrem Werk verarbeitet hat, sei ein brisantes Thema. Es würde Interesse wecken, Spannung erzeugen. "Deshalb will ich diese Geschichten erzählen", so die ehemalige Verlagsmitarbeiterin.
Verleger lehnten ab
Irgendwann lagen nicht nur "Kaltherz", sondern auch die Manuskripte der anderen Autoren pünktlich auf dem Tisch im Seminarraum. Es wurden Verlage angeschrieben, Manuskripte verschickt. Doch zurück kamen nur Absagen. Der einzige Verlag, der die Bücher drucken wollte, verlangte einen hohen Zuschuss. Also stürzten sich die sieben Frauen und drei Männer in ein Abenteuer. Sie gründeten ihren eigenen Verlag: den UniScripta Verlag. Klein hätten sie angefangen, so Schürgers, und zunächst nur wenige Exemplare von zwei der zehn Romane drucken lassen. "Ein paar wollten wir verkaufen. Der Rest sollte verschenkt werden."
Als die Bücher gedruckt waren, luden sie zu ihrer ersten Lesung in die Räume der U3L ein. "An diesem Abend verkauften wir über 70 Bücher - viel mehr als wir uns hatten vorstellen können. Bald musste nachgedruckt werden." Es war der Moment der Wende. Die Autoren organisierten zahlreiche Lesungen. Mit zwei bis drei Auftritten pro Woche kam innerhalb eines Quartals genug Geld zusammen, um die nächsten beiden Romane zu drucken. So machten sie weiter. Bis alle zehn Titel veröffentlicht waren. Mittlerweile haben sie 20 Titel publiziert und mehr als 8000 Exemplare verkauft. Weitere Werke sind in Arbeit. Irmgard Schürgers sagt: "Es ist für mich wie ein zweites Leben." Sie sei fit und habe noch immer Spaß am Schreiben. So viel, dass der Krimi, an dem sie jetzt arbeitet, ihr viertes Werk in sechs Jahren ist.
Tod im Tessin
Doch wer hat die junge Frau im Westhafen auf dem Gewissen? Der Pharmareferent flüchtet an den Lago Maggiore, einen malerischen See, der teils zum Schweizer Tessin und teils zu Italien gehört. Auch diesen Ort kennt Schürgers gut. Freunde der 68-Jährigen besitzen hier ein Haus, in dem sie seit Jahren ihre Urlaube verbringt. Der Pharmareferent und seine Ehefrau haben dort ebenfalls ein Anwesen. Als Vorbild nahm Schürgers das Haus der Nachbarn am Lago Maggiore. Hierhin flüchtet der Ehebrecher nach dem Tod seiner Freundin. Was dann passiert? Das verrät Schürgers nicht. Natürlich nicht. Sie will ihr Buch sprechen lassen. Es soll im Herbst erscheinen.