Quelle: Traube 47 / Robert Bosch Stiftung
Ehrenamtler gesucht: Um Menschen für ein Engagement zu gewinnen, geht Thomas Henrich sogar Plakate kleben.
Ein Mann, ein Verein
Datum: 01.03.2016
Thomas Henrich engagiert sich seit zehn Jahren für soziale Initiativen. Er baut Freiwilligen-Zentren auf, koordiniert Teams und animiert andere, sich ehrenamtlich zu betätigen. Er gehört keinem Verein, keiner Organisation an. Seine Initiative ist: er selbst. Er bezeichnet sich als Ich-Verein - weil er als "Alleinhelfer" anderen Projekten auf die Beine hilft.
Es war ein Freitag, als er in den Ruhestand ging. Drei Tage später, am Montag, stand er vor 75 Kindern. "Ich stellte mich vor. Sie mussten ja wissen, wer der neue fremde Mann ist." Thomas Henrich kam an. So gut, dass die Mädchen und Jungen ihm am Ende ein Buch bastelten. Ein halbes Jahr hat Henrich ehrenamtlich im Kindergarten Nürnberg-Zabo gearbeitet. Jeden Tag lernte er die Tagesstätte besser kennen. Und jeden Tag half er, eine leistungsfähigere Kindergartenverwaltung aufzubauen. Dann suchte er sich ein neues Projekt.
Sich verabschieden und neu beginnen: Dieses Leben führt der 68-Jährige seit zehn Jahren. Alle sechs bis acht Monate sucht er sich ein neues soziales Projekt. "Sonst langweile ich mich", sagt er. Durch den ständigen Wechsel begegne er immer wieder neuen Menschen, einem neuen Umfeld und: neuen Aufgaben. "So schleift sich keine Routine ein und man hat nicht irgendwann ein Brett vor dem Kopf", meint der 68-Jährige. Der Unterschied zur typischen Büroarbeit gefalle ihm gut. Immer an der gleichen Stelle zu sitzen: Das sei nichts für ihn. Anders als die meisten Ehrenamtlichen ist er nicht dauerhaft Teil einer bestimmten Initiative. Sein Projekt ist es, viele Projekte zu unterstützen. Er beschreibt sich, abgeleitet von der Ich-AG, als Ich-Verein für soziales Engagement. Dadurch bleibe er unabhängig, flexibel und effektiv.
18 Projekte in zehn Jahren
Der Ich-Verein hilft Initiativen bei dem, was der 68-Jährige schon vor dem Ruhestand machte. Henrich war Kaufmann und hat sich in Datenverarbeitung sowie Projekt- und Qualitätsmanagement weitergebildet. Damit liefere er, was Sozialarbeitern manchmal fehle, da es in der Ausbildung eine Nebensache sei: "Das Wissen, wie Projekte geleitet und strukturiert werden." Zu seinen Aufgaben zählen unter anderem das Entwickeln von IT- und Qualitätsmanagement-Systemen, die Büroorganisation, das Management und die Planung der Projekte. "Ich kann aber auch Kaffee kochen und Essen zubereiten, Schränke aufbauen, Vorträge halten, Beratungsgespräche führen oder auch mal 300 Adressen erfassen", berichtet Henrich.
Der Gesellschaft etwas zurückgeben
Was Henrich ebenfalls kann: Haare schneiden. Denn der Beruf, in dem er alt wurde, ist nicht der, den er nach seiner Schulzeit begann. Damals ließ er sich von seinem Vater zum Friseur ausbilden. Doch das machte ihn nicht glücklich. Mehr Faszination hatte er für die Datenverarbeitung. Henrich: "Das war genau das Richtige für mich." An der Abendschule holte er die mittlere Reife nach, schloss eine kaufmännische Lehre ab und bildete sich in der Datenverarbeitung weiter.
Solch eine Umschulung kostet Zeit und Geld. Funktioniert habe das nur durch die Unterstützung des Staates. "Das habe ich mir gemerkt. Und das wollte ich der Gesellschaft zurückgeben." Schon seit 1999 - lange vor seinem Ruhestand - engagierte er sich bei der Bahnhofsmission in Nürnberg. Er verwaltete die Kleiderkammer, gab Essen und Trinken aus. Er kam mit einer anderen Welt in Kontakt, mit Armen, Obdachlosen und Menschen mit Drogenproblemen. Ihm wurde klar, dass er sich nach dem Renteneintritt mehr im sozialen Bereich engagieren will.
Per Inserat ins Ehrenamt
Über seine Kontakte bei der Bahnhofsmission kam er in Kontakt mit dem Kindergarten, der vor 10 Jahren sein erstes Projekt wurde. Seitdem hat der Ich-Verein in 18 verschiedenen ehrenamtlichen Engagements mitgewirkt. Über seine Website können Initiativen den 68-Jährigen erreichen. Er bietet sogar in Zeitungen seine Hilfe an. Inzwischen funktioniert die Suche nach neuen Projekten von allein. Im Laufe der Jahre hat er ein Netzwerk aus Personen und Einrichtungen aufgebaut und braucht nur nachzufragen, wo seine Hilfe benötigt wird. Von seinen "Teilzeit-Kollegen" wird seine Arbeit geschätzt: "Er ist eine Perle unter den Ehrenamtlichen", sagt Ute Zimmer vom Freiwilligenzentrum Fürth.
Im März 2015 bewarb sich Henrich für den Deutschen Alterspreis. Er würdigt jährlich die besten Ideen von und für alte Menschen. Die Auszeichnung zeigt, dass Leistungsfähigkeit, Engagement und Kreativität heute keine Frage des Alters sind. Verliehen wird der Preis sowohl an Initiativen als auch an Personen. Von 250 Bewerbern schaffte es Henrich unter die sechs Nominierten. Er erhielt Besuch von Stiftungsvertretern, die einige seiner Projekte begutachteten und einen Film über den Ich-Verein drehten.
Ausgezeichnet beim Deutschen Alterspreis
Im Dezember 2015 wurden die sechs Anwärter nach Berlin zur Preisverleihung eingeladen. Auf der Veranstaltung: 200 Besucher - darunter hochrangige Gäste wie Franz Müntefering, der neue Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Daniela Schadt, Lebensgefährtin des deutschen Bundespräsidenten, und Elke Ferner, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium. Henrich scherzt: "Das war fast wie beim Oscar." Den ersten und zweiten Preis erhielten andere Initiativen. Doch die Laudatio für den dritten Platz richtete sich an ihn. "Ich war sehr überrascht. Auf diese Anerkennung bin ich stolz." Der 68-Jährige erhielt 20.000 Euro Preisgeld. Ihm war klar, dass er das Geld seinen Einrichtungen stiften würde.
"Es war schön, meinen Projekten viel Geld geben zu können", sagt Henrich. Eines davon ist der gemeinnützige Kulturverein Rote Bühne in Nürnberg. Hier hatte der Preisträger im vergangenen Jahr Spendenwerbung für eine Musiktheaterinszenierung betrieben. Henrich wollte neben sozialen Projekten auch ein kulturelles Vorhaben unterstützen. Also suchte er acht Monate lang Sponsoren und schrieb Stiftungen an. Erfolgreich: Die Premiere war Ende Februar 2016
Neben der Roten Bühne ist eines seiner Lieblings-Projekte die Nürnberger Freiwilligenbörse. Sie fand in diesem Jahr zum sechsten Mal statt. Henrich hat 2010 geholfen, das Event ins Leben zu rufen. Bei der Veranstaltung stellen soziale Initiativen ihre Aufgaben vor und gewinnen Freiwillige. Beim ersten Mal kamen in zwei Tagen etwa 6000 Menschen. Die Freiwilligenbörse ist Teil der Messe "inviva - Mitten im Leben". Sie richtet sich vor allem an Senioren. Dass ältere Menschen helfen und ihr Leben gestalten: Diese Philosophie lebt Thomas Henrich. "Ich stehe morgens gerne auf. Ich arbeite gerne und freue mich auf das, was ich mache - jeden einzelnen Tag."