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Ingrid Gilgen mit Telefonhörer in der Hand Quelle: Alexander Tietz / EiZ Erreichbar in allen Lebenslagen: Ingrid Gilgen vom Berliner Seniorentelefon

Ganz Ohr

Datum: 02.02.2016

Probleme mit der Pflege oder dem Wohnen, Sorgen um die Familie oder Angst vor der Einsamkeit: Gründe gibt es viele, warum ältere Menschen das Berliner Seniorentelefon kontaktieren. Das Projekt gibt es seit 1993. Ingrid Gilgen ist seit fünf Jahren dabei. Sie ist eine von 14 Beraterinnen und Beratern, die Ratschläge geben, Kontakte vermitteln und mit Anrufern sprechen. Häufig ist das Wertvollste, was sie tut, aber nicht reden - sondern zuhören.

"Hallo. Mein Mann ist gestorben. Mir fällt es schwer, darüber zu sprechen. Aber ich brauche Hilfe." Die Stimme der Anruferin zittert. Sie ringt um jedes Wort. Sie berichtet von der Krankheit ihres Mannes. Von der Diagnose im Krankenhaus. Und vom Moment, an dem sie Abschied nehmen musste. Dieses Schicksal kann ihr niemand abnehmen.

Doch je länger sie redet, desto klarer wird ihre Stimme, desto mehr Worte kommen über ihre Lippen. Von der Dame am anderen Ende der Telefonleitung bekommt sie Hilfe. Es ist ein wenig Gehör, ein wenig Aufmerksamkeit und ein bisschen Trost, den die Beraterin vom Berliner Seniorentelefon spendet.

Ingrid Gilgen kennt Telefonate wie dieses. Die ehemalige OP-Schwester verbringt viele Stunden am Hörer und bietet ihre Hilfe an. "Häufig melden sich Menschen, die jemanden verloren haben", sagt die 67-Jährige. "Dann brauchen sie jemanden, der ihnen zuhört." Und genau das tut Gilgen. Sie ist eine von 14 Beraterinnen und Beratern, die ehrenamtlich für das Berliner Seniorentelefon tätig sind. Manchmal ist es ein Trauerfall, manchmal ein gesundheitliches Problem, das die Anrufer zur Kontaktaufnahme bewegt. Häufig sind es auch alltägliche Dinge. "Ältere Menschen und Angehörige können sich mit allem, was sie beschäftigt, an uns wenden", sagt Anita Weise, Teamleiterin des Berliner Seniorentelefons.

Beistand und praktische Tipps

Die Ehrenamtlichen haben nicht nur ein offenes Ohr für Sorgen. Sie geben auch viele konkrete Tipps. Sie suchen Telefonnummern heraus. Geben Auskunft, welche Verkehrsmittel zu einem bestimmten Veranstaltungsort führen. Weisen auf Rechts- und Sozialberater hin. Oder sie stellen Kontakte her, wenn Hilfesuchende Auskunft zur Pflege benötigen. Das Berliner Seniorentelefon ist eine Lebenshilfe, wenn andere Ansprechpartner fehlen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1993 ist die Anlaufstelle gut vernetzt. Sie hat Verbindungen zu sozialen Einrichtungen, Hilfsorganisationen, Trauergruppen und Behörden. Das Projekt ist nicht an eine Konfession gebunden. Die Berater arbeiten neutral und unabhängig.

Trotz ihrer Expertise wollen die Ehrenamtlichen selten das letzte Wort haben. Die Stärke des Projekts sei nicht, so Weise, sofort zu helfen, sondern zu wissen, wo es Hilfe gibt und die Anrufer zu ermutigen, selbst aktiv zu werden. "Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe", sagt die Teamleiterin. Wenn nötig, informieren die Berater ihre Netzwerkpartner vor Ort. Die Vermittlung über das Berliner Seniorentelefon ist kostenlos. In manchen Fällen leisten die Ehrenamtlichen auch Trauerarbeit. Doch bei gravierenden Problemen verweisen sie auf professionelle Angebote wie den Berliner Krisendienst. "Wir sind Laien", sagt Weise, "aber Laien mit viel Lebenserfahrung".

"Nachwuchs" erwünscht

Viele Berater sind selbst im Rentenalter. Mit 67 Jahren gehört Ingrid Gilgen "noch zu den Jüngeren". In letzter Zeit sind einige Mitarbeiter aus Altersgründen ausgeschieden. Deshalb sucht die Einrichtung momentan neue Ehrenamtliche. Oder, wie Anita Weise sagt: "Wir suchen Nachwuchs." Bewerber müssen keine besondere Qualifikation vorweisen. Interessenten sollten jedoch viel über Berlin wissen und Computerkenntnisse haben. Kommen sie ins Team, nehmen sie monatlich an zwei Teamberatungen beziehungsweise Schulungen teil. Dabei erhalten sie Tipps zur Gesprächsführung - insbesondere auf psychologischer Ebene. Ebenfalls bekommen sie Informationen über aktuelle Themen, die Senioren betreffen.

Problematisch ist bei der Gewinnung neuer Ehrenamtlicher jedoch ein aktueller Trend: "Viele wollen kurzfristig und schnell helfen", sagt Teamleiterin Weise. Beim Berliner Seniorentelefon gehe es jedoch um ein nachhaltiges und langfristiges Engagement. "Die Mitarbeiter müssen viel über unsere Netzwerkpartner wissen und ein Gefühl für die Beratung bekommen. Diese Einarbeitung braucht seine Zeit", so Weise. Ein weiteres Problem sei, dass selten Männer ihre Hilfe anbieten. Im Team gebe es lediglich ein männliches Mitglied: "Der Anteil der Frauen, die Hilfe bei uns suchen, liegt bei 77 Prozent. Viele Anruferinnen sehnen sich nach dem Verlust ihres Partners nach einer männlichen Stimme. Die fehlt uns häufig."

Schon immer Helferin

Interessenten können sich jederzeit bewerben. Was sie erwartet, ist das Gefühl, Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird. Ingrid Gilgen hat unzählige Gespräche geführt. "Häufig spüre ich, dass Betroffene mit einem schlechten Gefühl anrufen und mit einem guten Gefühl auflegen." Ingrid Gilgen bewarb sich vor fünf Jahren bei dem Projekt. "Ich wollte etwas Sinnvolles tun und gleichzeitig einer Tätigkeit nachgehen, die zu meiner körperlichen Verfassung und zu meiner Lebensphase passt." Sie habe ein Helfersyndrom. "Schon immer", sagt sie. Bevor Gilgen in Frührente ging, war sie unter anderem im Medizinischen Dienst der Berliner Feuerwehr tätig.

Gilgen schätzt das Berliner Seniorentelefon wegen der geringen Hemmschwelle. Jeder, der sich meldet, bleibt anonym, es sei denn, der Anrufer nennt freiwillig seinen Namen. Im Mittelpunkt steht das Gespräch, das Anliegen, die Hilfe und der offene Dialog zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen. Die Berater protokollieren jeden Anruf. Mit wenigen Stichpunkten halten sie den Dialog auf Papier fest - für die statistische Auswertung und Schulungszwecke des Teams. Die Gesprächsinhalte werden sensibel behandelt und dringen nicht nach außen, so Weise.

Viermal in der Woche erreichbar

Das Berliner Seniorentelefon ist für Menschen, die in Berlin und Brandenburg leben, viermal in der Woche erreichbar: unter der (030) 2796444 montags und mittwochs von 12 bis 14 Uhr sowie freitags und sonntags von 14 bis 16 Uhr. Nimmt kein Berater ab, können Hilfesuchende eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Mit großer Sicherheit melden sich die Ehrenamtlichen bei der nächsten Sprechzeit zurück. Das Berliner Seniorentelefon ist ein Projekt des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg. Dieser unterstützt das Projekt beratend und organisatorisch. Ebenso übernimmt er die Miete des Büros in Berlin-Mitte. Der Berliner Senat und der Paritätische Wohlfahrtsverband sind ebenfalls Förderer. Viele Berater des Berliner Seniorentelefons teilen die Sorgen und Probleme ihrer Anrufer. Sie sind in einer vergleichbaren Lebenssituation. Genauso geht es Ingrid Gilgen. Sie spricht am Telefon selten über ihr eigenes Leben. Doch auch sie musste verkraften, dass ihr Mann vor vielen Jahren starb. "Reden hilft", sagt sie. "Auch mir."

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