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Johanne Kolle liest einer Bewohnerin der Einrichtung "Schönholzer Heide" vor Quelle: Kirsten Schröter Zuhören und Vorlesen: Johanna Kolle hat zu den Bewohnern der Einrichtung "Schönholzer Heide" in Berlin-Pankow einen guten Draht entwickelt.

Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst: Senioren zeigen Engagement

Datum: 01.06.2012

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) feiert seinen ersten Geburtstag: Seit dem 1. Juli 2011 ermöglicht er es jungen und älteren Menschen, sich zu engagieren. Johanna Kolle (69) aus Berlin ist in einer Wohngemeinschaft für an Demenz erkrankte Menschen im Einsatz. Ihre Aufgabe: neuen Lebensmut schenken und Aufmerksamkeit für individuelle Sorgen mitbringen.

Erfahrung ist Zukunft (EiZ): Frau Kolle, was sind Ihre Aufgaben in der Senioren-Wohngemeinschaft "Schönholzer Heide"?

Johanna Kolle: Ich bin vier Tage in der Woche von 10 bis 15 Uhr hier. Ich gehe mit den Bewohnern spazieren, unterhalte mich mit ihnen, helfe bei kleinen Handarbeiten, oder wir spielen "Mensch ärgere dich nicht". Besonders gerne wird auch gesungen, Volkslieder, manchmal auch kirchliche Choräle. Lauter kleine Sachen, die meines Erachtens einen hohen Wert haben und wodurch die Menschen einfach mal aus ihrem Hamsterrad rauskommen.

Vieles geht nur bei denjenigen, bei denen die Demenz noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Andere möchten einfach, dass man ihnen zuhört, immer wieder liebevoll auf sie eingeht, auch wenn sich das Gesagte wiederholt.

EiZ: Womit haben Sie sich beschäftigt, bevor Sie Bundesfreiwillige wurden? Haben Sie sich nach Ende Ihres Erwerbslebens gelangweilt?

Johanna Kolle: Ich habe schon immer kreativ gearbeitet, unter anderem habe ich zu DDR-Zeiten textile Altarkunst in Magdeburg hergestellt, später war ich in Erfurt Gemeindepädagogin und bin im Anschluss als Schrift- und Plakatmalerin in die Lehre gegangen und habe in diesem Beruf auch gearbeitet. Dadurch habe ich viele Hobbys. Ich male gerne, nähe für meine zwei erwachsenen Kinder, die auch in Berlin leben und arbeiten und hier studiert haben. Außerdem schreibe ich gerne. Biografisches in Form von Kurzgeschichten.

EiZ: Schreckt Sie die Arbeit nicht manchmal auch ab, weil sie an die eigene begrenzte Zeit erinnert?

Johanna Kolle: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es berührt mich nicht. Ich habe aber eine Bekannte, die an Demenz erkrankt war, dadurch ist der erste Schock schon überwunden.

Außerdem helfen mir religiöse Ansätze, die durch meine gemeindepädagogische Ausbildung haften geblieben sind. Mein Motto ist "Carpe diem - nutze den Tag". Es kommt immer auf die Haltung an, mit der ich mein Schicksal annehme.

EiZ: Gibt es auch Sachen, die nicht klappen?

Johanna Kolle: Einmal hat mir eine Bewohnerin, eine ehemalige Lehrerin, vorgelesen, was mich sehr gefreut hat. Ich dachte dann, dass es schön wäre, wenn ich in einer Kleingruppe anfange, ein Märchen vorzulesen, und dann von den anderen weiterlesen lasse. Eine andere sollte sich einen Schluss ausdenken, da ich bei ihr das Gefühl hatte, dass sie noch gut sprechen und überlegen kann. Am nächsten Tag habe ich bei ihr aber eine große Erschöpfung festgestellt, sodass ich die Sache abbrechen musste.

Meine Erkenntnis daraus war, dass man nichts Langfristiges vorbereiten kann, da sich der Gesundheitszustand von einem Tag zum anderen ändern kann. Projekte, bei denen man eine ganze Gruppe an einem bestimmten Tag einbeziehen möchte, sind oft nicht umzusetzen. Ich merke selber auch, dass ich körperlich nicht mehr so fit bin. Aber ich gehe mit Begeisterung hierher, auch wenn ich am ersten Tag ganz schön kaputt war nach der Arbeit, aber sie gibt mir eine sehr hohe Zufriedenheit.

EiZ: Macht es Ihnen auch Mut zu beobachten, dass es Orte gibt, an denen man sich gut um pflegebedürftige Menschen kümmert?

Johanna Kolle: Ich bin froh, dass es Orte wie diesen gibt, wo alte Menschen wertgeschätzt werden. Ich fühle mich hier wohl und glücklich und habe das Gefühl, ich bin von den Menschen hier angenommen worden. Neulich sagte eine Bewohnerin von über 80 Jahren, dass wir doch auch Du zueinander sagen können.

EiZ: Ärgert es Sie, wenn älteren Menschen weniger zugetraut wird?

Johanna Kolle: Das hat schon Simone de Beauvoir in den 30er Jahren festgestellt, dass es so ist. Aber ärgern nutzt ja nichts, ich muss was daraus machen. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen im Ruhestand den Bundesfreiwilligendienst oder andere ehrenamtliche Arbeiten wahrnehmen oder es wenigstens probieren. Denn unsere Generation hat erwiesenermaßen noch viel Potenzial und muss noch nicht die Hände in den Schoß legen. Alle können zu Zeiten des demografischen Wandels mit an­packen.

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