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Mit Lotse und Rollator: öffentlicher Nahverkehr für alle

Datum: 02.09.2016

Wie kann man Menschen mit körperlichen Einschränkungen dabei unterstützen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und dadurch mobil zu bleiben? Das Modellprojekt mobisaar gibt Antworten auf diese Frage. In Saarbrücken gestartet, soll es bald im gesamten Saarland und darüber hinaus einen Begleitdienst für Bus und Bahn etablieren, der per App oder Telefon angefordert werden kann.

Hilde Schneider ist in den letzten Monaten vom Schicksal gebeutelt worden. Ende Oktober 2015 bekommt die 78-Jährige aus Saarbrücken ein neues Kniegelenk, geht eine ganze Weile an Krücken, freut sich aber schließlich an Weihnachten, dass alles überstanden ist. Ein kurzes Glück: Wenige Monate später, im Mai dieses Jahres, stürzt sie schwer. Die Diagnose: Vorderbeckenriss.

"Ich hatte so einen Bammel, als ich aus der Reha kam", erzählt Schneider, die an sich so gar keinen verzagten Eindruck macht. Mehr als alles andere befürchtet sie, dass jetzt, wo sie mehr schlecht als recht mit dem Rollator unterwegs ist, ihr Zuhause zu einer Art Gefängnis wird, dass sie nicht mehr unter Leute kommt, nicht mehr am Leben teilhaben kann. "Ich war ganz unglücklich und habe gedacht: Was mache ich nur?" Sorgen, die umso drängender sind, weil Hilde Schneider alleinstehend ist. Kinder hat sie, aber der Sohn wohnt weit weg in Mecklenburg-Vorpommern, die Tochter ist mit der Versorgung ihres kranken Vaters mehr als ausgelastet. Auf ein eigenes Auto kann die Saarbrückerin auch nicht setzen: Seit zwei Jahren hat sie keines mehr. Und das Taxi? "Ich bin ehrlich", sagt Schneider, "ich könnte es mir kaum leisten."

Glück im Unglück: Vor einiger Zeit hat ein Bekannter Hilde Schneider auf Mobia, den Vorgänger von mobisaar, aufmerksam gemacht. Damals konnte sie sich kaum vorstellen, den Service einmal in Anspruch zu nehmen, jetzt kommt sie gerne auf die Begleitung durch einen Lotsen zurück. Die erste Fahrt geht zum Orthopäden. "Er hat mich bis in die Praxis in der dritten Etage gebracht", freut sich die Seniorin. "Das war für mich wunderbar. Ich habe mich auf einmal richtig frei und beruhigt gefühlt." Ein positiver erster Eindruck, der nachhaltig bleibt: Inzwischen nutzt Hilde Schneider mobisaar regelmäßig: Am Mittwochnachmittag geht es zur Französischkonversation, am Donnerstag Nachmittag fährt sie mit Nahverkehrsmitteln zur Kaffeerunde.

Das Konzept von mobisaar

Dass Hilde Schneider trotz Rollator problemlos von A nach B kommt, verdankt sie nicht zuletzt Prof. Dr. Daniel Bieber. Der Geschäftsführer des Saarbrücker iso-Instituts für Sozialforschung und Sozialwirtschaft ist so etwas wie der geistige Vater von mobisaar. Er hat das Projekt konzipiert und gehörte im Jahr 2015 zu den fünf Siegern des Wettbewerbs "Innovationen für Kommunen und Regionen im demografischen Wandel" (InnovaKomm) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Sein Hauptanliegen: Technik und soziale Dienstleistung unter einen Hut bringen, um den öffentlichen Personenverkehr für alle Bevölkerungsgruppen attraktiv zu machen.

Projektkoordinator von mobisaar ist das Verkehrsunternehmen Saarbahn. Der Betrieb organisiert, steuert und setzt um, was zusammen mit den weiteren Kooperationspartnern zuvor geplant wurde. Im Kern handelt es sich hierbei um einen Service, der eine barrierefreie Wegeplanung ermöglicht. Fahrpläne, Informationen zu Haltestellen, Bussen oder Gehwegen werden in Echtzeit ausgewertet, gebündelt und über eine Smartphone-App bereitgestellt. Klassische Zugangswege gibt es aber auch. "Die Idee war", berichtet Bieber, "eine Sache zu machen, bei der Technik eine Rolle spielt, aber nicht die zentrale. Man kann die App nutzen, muss es aber nicht." So soll es auch in Zukunft bleiben, wenngleich Bieber davon ausgeht, dass die App im Vergleich zum Telefon häufiger genutzt werden wird.

Wer sich noch eigenständig bewegen kann, nutzt mobisaar über die App oder das Telefon, um sich eine günstige Route heraussuchen zu lassen. Wer sich nicht mehr ohne Begleitung in Bus und Bahnen traut, wer längere Wege zurücklegen und dafür unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen muss, dem vermittelt die Servicestelle einen kostenlosen Lotsen, der beim Ein-, Aus- und Umsteigen hilft. In der Praxis funktioniert das ganz einfach. "Ich rufe die Nummer des Lotsenservice von mobisaar an", erklärt Hilde Schneider. "Dort sage ich: Ich müsste um soundso viel Uhr dort und dort sein. Dann guckt die Mitarbeiterin nach, um wie viel Uhr die Abfahrt an meiner Haltestelle ist. Und am nächsten Tag kommen in der Regel zwei Herren und holen mich an der Haustüre ab und bringen mich ans Ziel."

Aktueller Stand und nächste Schritte

Anfang 2016 ist mobisaar in Saarbrücken gestartet, Ende Juli konnte der Geschäftsführer der Saarbahn, Andreas Winter, Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den aktuellen Stand der Umsetzung und die Planungen für die Zukunft erläutern. Wanka hatte mobisaar im Rahmen ihrer Sommerreise zu ausgewählten Projekten, die das BMBF fördert, besucht.

Im Augenblick ist mobisaar im Regionalverband Saarland nutzbar. Anfang September ist der Saarpfalz-Kreis hinzugekommen. Und dabei soll es nicht bleiben: "Man muss so etwas überregional machen", sagt Prof. Dr. Bieber. "Es muss irgendwann möglich sein, bundesweit von A nach B zu kommen und dabei genau die Unterstützung zu bekommen, die man braucht." Und nicht nur das: Der Wissenschaftler kann sich auch eine Ausdehnung des Service über die Landesgrenzen hinaus, nach Lothringen und nach Luxemburg, vorstellen.

Mit einem Lotsen, der den Fahrgast vom Einstieg bis zum Ausstieg begleitet, lässt sich dies natürlich nicht realisieren, räumt Bieber ein. Er erklärt, dass die Pläne deshalb eher dahin gingen, "dass an den Umsteigepunkten zuverlässig jemand steht, der von einem in den anderen Bus hilft oder nur die letzte Strecke mitfährt." Um die Expansion zu stemmen, muss nicht zuletzt der Kreis der Lotsen erweitert werden. Die Suche nach Ehrenamtlichen, die sich bei der Begleitung von Menschen mit Gehbehinderungen engagieren möchten, hat dementsprechend hohe Priorität.

Größere Bekanntheit, mehr Kunden

120 bis 130 Kunden nutzen mobisaar im Moment, schätzt Prof. Dr. Bieber. Es sollen natürlich mehr werden: "Die Tendenz ist stark steigend, aber wir sind noch weit weg von möglichen Kapazitätsgrenzen." An der Öffentlichkeitsarbeit mangelt es nicht. Von halbseitigen Zeitungsanzeigen über Besuche beim Seniorenrat und bei ähnlichen Veranstaltungen bis hin zur Gewinnung von 66 festen Testkunden: Die Verantwortlichen haben kaum eine Gelegenheit ausgelassen, auf mobisaar beziehungsweise sein Vorgängerprojekt Mobia aufmerksam zu machen. "Man erreicht aber eben die Zielgruppe nicht so einfach", sagt Bieber. "Hinzu kommt: Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind, haben sich teilweise über Jahre hinweg andere Lösungen erarbeitet. Die muss man erst einmal überzeugen, dass das, was wir jetzt anbieten, zuverlässig funktioniert."

Der Leiter des iso-Instituts ist dennoch zuverlässig, dass es gelingen wird, das Angebot von mobisaar im Lauf der Zeit stärker bekanntzumachen und weiter zu etablieren. Viel spricht dafür, dass er mit dieser Einschätzung Recht behalten wird. Hilde Schneider jedenfalls ist von mobisaar so begeistert, dass sie den Service bei jeder Gelegenheit weiterempfiehlt: "Wenn ich in der Saarbahn jemanden mit Rollator sehe," sagt sie, "versuche ich, den Service publik zu machen."

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