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Kommunen gestalten den Wandel

Auf Veränderungen, die das Zusammenleben der Gesellschaft betreffen, muss sich auch die gesamte Gesellschaft einstellen. Städte und Gemeinden sind den Bürgerinnen und Bürgern am nächsten. Jeden Wandel spüren die Kommunen als erste. Sie gestalten aber auch jeden Wandel unmittelbar mit. Viele Kommunen in Deutschland zeigen schon jetzt, dass die Veränderungen der Demografie vor allem auch Chancen sind.
Der demografische Wandel bringt viele Veränderung der Bevölkerungsstruktur mit sich. In der landesweiten Betrachtung wird Deutschland zum einen künftig weniger Einwohner haben. Die Prognose einer genauen Bevölkerungszahl über viele Jahre im Voraus ist schwierig. Sicher ist jedoch, dass der prozentuale Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung steigen wird. Eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes geht von einer Veränderung des Anteils der über 60-jährigen von heute 25 Prozent auf 36 Prozent im Jahr 2050.
 
Für Kommunen sind diese Veränderungen in hohem Maße relevant. Denn mit der Veränderung der Bevölkerungsstruktur verändern sich auch die Anforderungen an das Angebot der Kommunen. Eine jüngere Bevölkerung hat z.B. einen höheren Bedarf an Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen als eine ältere. Die Nachfrage in Wohnungsmärkten wird sich verändern, wenn die Zahl der Haushaltsgründungen zurückgeht und Häuser für Wohnkonzepte umgebaut werden, die den Bedürfnissen älterer Menschen mehr entgegenkommen. Die höhere Lebenserwartung und gesteigerte Leistungsfähigkeit älter Menschen im 21. Jahrhundert wird hier viele kreative Modelle jenseits des Pflegeheimes hervorbringen. Eine Anpassung steht auch im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) an. Werden ältere Menschen dieses Mobilitätsangebot nutzen und den Rückgang des Schülerverkehrs kompensieren oder werden sie eher auf den Individualverkehr setzen? In jedem Fall werden sich Busse und Bahnen noch stärker an den Bedürfnissen betagter Menschen ausrichten müssen, um auch künftig eine effiziente und umweltschonende Mobilität innerhalb und zwischen Wohngebieten sicherzustellen. Eine echte Herausforderung liegt im Bereich der Ver- und Entsorgung. Ein Bevölkerungsrückgang führt zu verminderter Nachfrage bestimmter kommunaler Angebote, dennoch müssen bestimmte Standards von Daseinsvorsorge und Standortqualität weiter vorgehalten werden, was tendenziell zu höherer Kostenbelastung pro Kopf führt. Denn die Kosten für langlebige Infrastruktureinrichtungen fallen nicht automatisch mit der Einwohnerzahl. Die Betriebskosten einer Trinkwasseraufbereitungsanlage, die eine Kommune von 60.000 Einwohnern versorgt sinken z.B. nicht maßgeblich, wenn in der Kommune nur noch 45.000 Menschen leben. Experten sprechen hier von dem Phänomen der "Kostenremanenz". Für die Städte und Gemeinden ist dieser Punkt finanziell nicht leicht zu verkraften, da ihre Einnahmen eng an die Einwohnerzahl gekoppelt sind. Ohne Gegenmaßnahmen droht den Kämmerern von Flensburg bis Oberammergau damit ein Problem.
 
Doch die Herausforderungen sind nicht überall gleich. Je nachdem ob es sich um eine Groß- oder Kleinstadt handelt, ob das Umfeld strukturschwach ist oder wachsende Wirtschaftszweige im Umfeld angesiedelt sind. Der demographische Wandel entwickelt sich regional sehr unterschiedlich, vor allem die neuen Bundesländer schrumpfen und altern schneller und früher, während es in Westdeutschland noch Regionen geben wird, die (vornehmlich von Binnen-)Wanderungen profitieren. Die wachsenden Kommunen wiederum stehen vor dem Problem, die Umschichtung der Bevölkerungsstruktur zu gestalten.
 
Die vielfältigen Herausforderungen erfordern erstens, dass vor Ort einerseits eine intelligente "Schrumpfungspolitik" zur Flexibilisierung der Infrastruktur betrieben wird. Zum anderen kombiniert man diese im Idealfall mit einer offensiven Strategie zur weiteren Attraktivitätssteigerung des Standortes. Die Erfahrung zeigt, dass es sich für die Kommunen lohnt, über die Grenzen der eigenen Gemarkung hinauszuschauen und sich zu regionalen Bündnissen zusammenzuschließen. Denn die Stärken und Schwächen der einzelnen Gemeinden lassen sich häufig zu einem schlagkräftigen Bündnis vereinen, von dem alle profitieren. Zahlreiche deutsche Kommunen geben schon heute intelligente Antworten auf ihre jeweils individuellen Herausforderungen:
 
  • Der Kreis Dithmarschen liegt im Einzugsgebiet der Metropole Hamburg an der Westküste Schleswig Holsteins. Die Prognosen für den Kreis gehen von einer abnehmenden Bevölkerung bis zum Jahr 2020 aus. Zugleich wird dann etwa die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. Der Kreis reagierte indem er Familien, Bildung und Senioren zum Schwerpunkt seines Handelns macht. Durch Vernetzung des Bildungs- und Kinderbetreuungs-Angebotes der Gemeinden im Kreisgebiet optimierte Dithmarschen sein Angebot an junge Familien, um dem Trend der Bevölkerungsentwicklung entgegenzusteuern. Zugleich stellt man sich auf die künftigen Bedürfnisse der Älteren ein: Im Kreis Dithmarschen wird ein engmaschiges Pflegenetzwerk aufgebaut, dass die unterschiedlichen Formen der Pflege - stationär, ambulant oder häuslich - zu einem flexiblen und schlüssigen Angebot zusammenbindet. 
  • Frankfurt (Oder) hat zwischen 1990 und heute bereits etwa 22 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Bis 2020 wird die Bevölkerung voraussichtlich von 67.000 auf dann 59.000 zurückgehen. In den Plänen der DDR war ursprünglich der Ausbau Frankfurts zur Großstadt vorgesehen. Daher wurden entsprechende Infrastrukturen angelegt. Eine Arbeitsgruppe entwickelte daher gemeinsam mit Vertretern der Fachämter, Wohnungsunternehmen sowie der Ver- und Entsorger ein geschlossenes Gesamtkonzept zum Stadtumbau. Dies beinhaltet unter anderem, den Wohnungsbestand deutlich zu reduzieren, das Wohnumfeld dabei jedoch deutlich aufzuwerten. Auch durch Stärkung der Innenstadt soll die Wohn- und Lebensqualität insgesamt gesteigert werden. 
  • Mit knapp 330.000 Einwohnern gehört Bielefeld zu den 20 größten Städten Deutschlands. Wanderungsgewinne aus dem In- und Ausland konnten den Sterbeüberschuss bislang kompensieren. langfristig werden diese Wanderungsgewinne den Bevölkerungsrückgang aber auch hier nicht ausgleichen können. Bielefeld wird 2020 ca. 300.000 überwiegend ältere Einwohner haben. Doch auch sorgt man vor. Die Stadt hat als erste Kommune deutschlandweit die Stelle einer Demografiebeauftragten geschaffen. Susanne Tatje hat im Auftrag des Oberbürgermeisters für den Bielefelder Stadtrat verschieden Konzepte erarbeitet, welche Optionen für eine ressortübergreifende kommunale Gesamtstrategie denkbar sind. Die örtliche Kommunale Wohnungsgesellschaft hat bereits reagiert und ein Konzept für Senioren erarbeitet, dass auch im Alter ein selbstbestimmtes Wohnen in den eigenen vier Wänden ermöglicht.

 
Fazit: Die Herausforderungen für die Kommunen liegen klar zu Tage aber die Chancen sind ebenso vielfältig. Ein positives Leitbild hilft, Stärken zu definieren und in Zusammenarbeit mit Partnern die Regionen zu weiterhin attraktiven und innovativen Lebens- und Wirtschaftsräumen zu formen. Der demografische Wandel betrifft nahezu alle Lebensbereiche vor Ort. Die zahlreichen erfolgreichen Beispiele zeigen, dass eine schlüssige Gesamtstrategie unter Einbindung aller Ressorts bewältigt werden können.