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"Unsere Gesellschaft braucht die Älteren"

Älter werden heißt Kompetenz gewinnen. Prof. Dr. Ursula Lehr (78) ist als Entwicklungspsychologin und ehemalige Bundesfamilienministerin Expertin auf diesem Gebiet.
Erfahrung ist Zukunft (EIZ): Frau Lehr, Sie waren von 1988 bis 1991 Bundesfamilienministerin. War der demografische Wandel zu diesem Zeitpunkt ein Thema?
 
Ursula Lehr: Selbstverständlich. Wir haben schon in den 70er-Jahren über den demografischen Wandel geforscht, gesprochen, geschrieben. Ich glaube, ich bin auch nur aufgrund der Einsicht des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, dass der demografische Wandel kommt, als Familienministerin berufen worden.
 
EIZ: In diesem Amt haben Sie auch den Altenbericht initiiert.
 
Ursula Lehr:Nachdem acht Jugendberichte vorlagen, war es allerhöchste Zeit, sich über die Situation alter Menschen in unserem Land klar zu werden. Wir mussten zunächst analysieren, welche Rolle die älteren Menschen überhaupt in unserer Gesellschaft spielen. Auf der Grundlage dieses Berichts konnten dann ein Bundesaltenplan und Institutionen wie zum Beispiel die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) gegründet werden.
 
EIZ: Im nunmehr sechsten Altenbericht, der gerade geschrieben wird, geht es um Altersbilder in der Gesellschaft. Sind die nicht sehr unterschiedlich?
 
Ursula Lehr: Nicht nur die Altersbilder, auch die Lebensformen im Alter. Je älter wir werden, desto weniger sagt die Anzahl der Jahre etwas über Fähigkeiten, Fertigkeiten und Verhaltensweisen aus. Altern ist stets das Ergebnis der eigenen Lebensentwicklung. Und die ist sehr unterschiedlich.
 
EIZ: Hat sich das Bild vom Alter seit den 80er-Jahren verändert?
 
Ursula Lehr: Ich habe schon damals gesagt: Altern muss nicht Abbau und Verlust bedeuten. Altern ist in vielen Fällen Kompetenzgewinn. Es kommt nicht nur darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird. Wir müssen also die Potenziale des Alters erkennen.
 
EIZ: Und nutzen. Aber wie?
 
Ursula Lehr: Unsere Gesellschaft braucht die älteren Menschen. Berufstätigkeit oder freiwilliges Engagement sind die beste Vorsorge gegen Altersabbau. Man wird dadurch zu körperlicher und geistiger Aktivität, aber auch zu sozialen Kontakten gezwungen. Der Mensch braucht eine Aufgabe. Es gibt viele amerikanische Studien, die zeigen, dass die Zufriedenheit im Alter mit "the feeling of being needed" – dem Gefühl, gebraucht zu werden – zusammenhängt.
 
EIZ: Können wir auf der Suche nach geeigneten Demografiemodellen also von anderen Ländern lernen?
 
Ursula Lehr: Freiwillige Dienste werden zum Beispiel in England und in den skandinavischen Ländern sehr groß geschrieben. Wir müssen gerade für ältere Menschen Möglichkeiten des flexiblen Engagements aufzeigen. In Deutschland sind zurzeit ja die Patenschaften, die Seniorinnen und Senioren für schwächere Schülerinnen und Schüler übernehmen, ganz aktuell. Das finde ich großartig.
 
EIZ: Weil sich so auch die Generationen begegnen?
 
Ursula Lehr: Aber sicherlich. Ein älterer Mensch ist bereit einem jungen Menschen mit seinen Erfahrungen zu helfen, ihn zu begleiten.
 
EIZ: Also kein "Kampf der Generationen" mehr, wie er noch vor ein paar Jahren herbeigeredet wurde?
 
Ursula Lehr: Fest steht, dass innerhalb des familiären Raumes die Kontakte zwischen den Generationen so gut sind wie nie zuvor. Und das ist keine Vermutung, das ist durch Altersstudien belegt. Heute haben wir ein viel kumpelhafteres Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Großeltern und Enkelkindern, als noch vor fünfzig Jahren. Ich selbst habe mit meinen Enkeln einen sehr offenen Umgang.
 
EIZ: Ist der Kontakt zu den Jungen eine Möglichkeit das Alter aufzuhalten?
 
Ursula Lehr: Aufhalten ist schwierig, aber man kann es natürlich beeinflussen. Und zwar durch körperliche Aktivität oder Gehirnjogging. Dazu braucht man eigentlich nur eine halbe Stunde am Tag schnellstmöglich zu laufen und die Zeitung regelmäßig zu lesen – am besten nicht nur Feuilleton und Lokales, sondern auch Wirtschaft und Außenpolitik.
 
EIZ: Was raten Sie älteren Menschen noch, um ihr Leben aktiv zu gestalten?
 
Ursula Lehr: Grundsätzlich gilt, dem Leben nicht nur Jahre, sondern den Jahren Leben zu geben. Man sollte also nicht nur die Grenzen sehen, sondern nach den Möglichkeiten fragen, und dem Alter mutig und optimistisch begegnen. Altern ist kein Gespenst, sondern ein lebenslanger Prozess, der mit der Geburt beginnt.