Quelle: Helga Klingbeil-Weber
Annette Winter, Teilnehmerin des Modellprojektes "Pflegebegleitung".
Ein offenes Ohr für Frauen, die pflegen
Datum: 31.01.2012
Im Februar 2012 geht das zweijährige Modellprojekt "Pflegebegleitung" der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) zu Ende. Sein Ziel: Pflegenden Mitgliedern innerhalb des Verbandes niedrigschwellige ehrenamtliche Angebote zur Begleitung in dieser Lebenssituation zu machen. Wir sprachen mit einer Teilnehmerin über die Einzelheiten.
Annette Winter, 47 Jahre alt, ist eine der 14 Frauen, die zu Pflegebegleiterinnen ausgebildet wurden. Die Duisburgerin hat vier Kinder großgezogen und hätte dabei gerne jemanden gehabt, dem sie "einfach mal meinen Frust erzählen konnte". In ihrer zukünftigen ehrenamtlichen Tätigkeit will sie pflegenden Angehörigen das bieten, was ihr selbst damals fehlte: ein offenes Ohr. Im Interview verrät sie, wie das geschehen soll.
"Erfahrung ist Zukunft" (EiZ): Frau Winter, wie sind Sie denn zum Projekt "Pflegebegleitung" gekommen?
Annette Winter: Da ich in der kfd, also in der Katholischen Frauengemeinschaft, recht aktiv bin und auch die Menschen aus der Familienbildungsstätte gut kenne, hat sich das ergeben, dass ich angesprochen worden bin, ob das Thema nicht etwas für mich wäre. Und da habe ich dann auch ziemlich schnell Feuer gefangen und die Idee aufgegriffen und bin jetzt eigentlich dabei, Reklame dafür zu machen.
EiZ: Gibt es für Sie eine besondere Motivation, sich in der Pflegebegleitung zu engagieren?
Annette Winter: Also, ich hätte mir in der Phase, als meine Kinder ganz klein waren und ich sehr viel mit ihnen alleine war, gewünscht, dass jemand da gewesen wäre, dem ich einfach von meinem Stress hätte erzählen können. Das ist so ein Stück weit auch die Motivation, die mich jetzt vorantreibt, die mich mit dem Thema befreundet hat: Einfach da zu sein und zuzuhören. Dieses vertrauensvolle Gefühl zu vermitteln: Da kann ich mich einfach mal auslassen und mir mein Thema ein wenig von der Seele reden.
EiZ: Was genau waren die Inhalte des Projektes "Pflegebegleitung"?
Annette Winter: Wir haben uns ganz stark mit verschiedenen Pflegesituationen auseinandergesetzt. Es sind ja nicht nur alte Menschen, die gepflegt werden müssen, sondern es gibt auch Menschen, die zum Beispiel ein Leben lang ihre behinderten Kinder pflegen. Aber da wir das Thema ja weitertragen wollen, haben wir auch die Gestaltung von Öffentlichkeitsarbeit behandelt sowie die Frage: Wie leite ich eine Gruppe? Das gehört natürlich auch dazu, um an der Basis arbeiten und das Thema weitertragen zu können.
EiZ: Muss man das Modellprojekt eher als Schulung verstehen, oder werden gemeinsam Inhalte für zukünftige Projekte entwickelt?
Annette Winter: Es ist eine Mischung aus beidem, würde ich sagen. Natürlich haben wir immer wieder von außen Anregungen bekommen, wie man Sachen gestalten kann. Das war dann so eine Art Schulung. Aber auf der anderen Seite haben wir ganz stark auch innerhalb der Gruppe geguckt: Wo wollen wir hin? Wie wollen wir das Thema umsetzen? Wir haben dann gemeinsam Sachen erarbeitet.
EiZ: Was werden Sie als Pflegebegleiterin Menschen, die Angehörige pflegen, konkret anbieten können?
Annette Winter: Auf jeden Fall ein offenes Ohr. Jemanden, der zuhört, der verschwiegen ist, jemanden, der diese Arbeit wertschätzt. Leute, die pflegen, fühlen sich oft alleingelassen, haben wir festgestellt. Die eigenen Kinder sagen einem: "Lass mich doch mit dem Thema in Ruhe, ich kann das nicht mehr hören, dass du dauernd meckerst, dass du dauernd etwas zu klagen hast." Die meisten brauchen also jemanden, dem sie ihre Probleme erzählen können. Dann gehen wir den Menschen auch insoweit zur Hand, als dass wir versuchen, ihnen zusätzliche Kraft zu geben, zu ermöglichen, dass sie sich mit anderen vielleicht einmal austauschen können, dass sie lernen, auch ein bisschen auf sich selber zu achten, zu gucken: Was würde mir jetzt guttun? ... Kleine Anleitungen zur Entspannung oder so etwas. Vielleicht auch mal zu gucken: Wie kann der Pflegedienst noch weiter mit einsteigen, noch eine andere Arbeit mit übernehmen, sodass die pflegende Person noch ein bisschen mehr Entlastung hat. Wir überlegen also gemeinsam: Welche Möglichkeiten gibt es, und welche Möglichkeiten kommen infrage? Wir wollen den Pflegenden beistehen und ihnen Hilfestellung leisten.
EiZ: Wie wollen Sie denn an die Pflegenden herantreten und ihnen Ihr Angebot bekannt machen?
Annette Winter: Wir versuchen das über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir wollen, dass die Leute, mit denen wir vor Ort in den Frauengemeinschaften arbeiten, zu dem Thema informiert werden, dass sie Infomaterial an die Hand bekommen. Da stehen dann unsere Telefonnummern drin, sodass die Leute, die Interesse daran haben, uns zunächst einmal telefonisch erreichen können. Da muss also gar nicht unbedingt ein persönlicher Kontakt in einem Wohnzimmer stattfinden, sondern der telefonische Kontakt steht am Anfang. Für manche mag das reichen, für andere ist es schöner, wenn anschließend jemand zu Hause sitzt und sich eine Stunde dort aufhält.
EiZ: Inzwischen haben Sie erste Erfahrungen mit der Pflegebegleitung gesammelt. Gibt es Dinge, die Sie schwierig finden, und andere, die ihnen besonders gefallen?
Annette Winter: Wenn jemand schon sehr lange seinen Angehörigen pflegt, gibt es eingefahrene Verhaltensmuster, die die Sache oft erschweren, die die Beziehung der beiden untereinander erschweren. Das dann von außen zu betrachten, finde ich sehr schwierig - die richtigen Worte zu finden, wie die Leute da wieder herauskommen können. Das bedarf, glaube ich, sehr viel Übung und sehr viel Gelassenheit. Auf der anderen Seite sind die Leute sehr, sehr glücklich, wenn sie einfach reden können, wenn sie sich ihr Problem mal von der Seele reden können. Die Erleichterung nimmt man dann auch so mit nach Hause. Das ist ein sehr schönes Gefühl, den Leuten geholfen zu haben.
kfd-Modellprojekt "Pflegebegleitung"
Etwa zwei Drittel der über 2 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden von Angehörigen betreut - nach wie vor zum weitaus überwiegenden Teil von Frauen. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands ist mit rund 600 000 Mitgliedern Deutschlands größter Frauenverband. Pflegende Frauen aus den eigenen Reihen bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, ist erklärtes Ziel des Modellprojektes "Pflegebegleitung", in dem von Juni 2010 bis Februar 2012 14 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland entsprechende Ansätze entwickelten. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom Forschungsinstitut Geragogik in Witten.
kfd-Pflegebegleiterinnen werden nicht selbst pflegerisch tätig. Sie sollen unterstützend wirken, dazu beitragen, dass Pflegesituationen gelingen, dass Überforderungen vermieden werden. Dazu erkunden die Teilnehmerinnen des Projektes in ihren jeweiligen Regionen, wie sich die Situation von kfd-Mitgliedern in der Pflegearbeit darstellt, welche Erfahrungen diese haben und welche praktische Unterstützung notwendig und angebracht wäre. Im Anschluss soll vor Ort ein Netzwerk gegründet werden, das Frauen hilft, ihre Pflegesituation zu bewältigen. Um dies dauerhaft zu gewährleisten, sind auch für die Zukunft weitere dezentrale Qualifizierungsprojekte vorgesehen.
