Rita Süssmuth: "Die Älteren zu Wort kommen lassen"
Datum: 16.11.2007
Wie können Gesellschaft, Kultur und Politik altersfreundlicher werden? Dieser Frage geht die Kommission "Neue Ziele in der Altenpolitik" nach. Vorsitzende ist die ehemalige Bundesfamilienministerin und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (70).
Ein Interview über Altersbilder im Wandel, den vermeintlichen Kampf der Generationen und über die Rolle der Medien.
Erfahrung ist Zukunft (EiZ): Frau Prof. Dr. Süssmuth, sie wurden 1985 Bundesfamilienministerin. War der demografische Wandel zu diesem Zeitpunkt ein Thema?
Rita Süssmuth: Ja, aber nicht in der politischen Diskussion. Die meisten Daten, über die wir in den letzten Jahren reden, waren bereits bekannt. Eine öffentliche Diskussion darüber gab es nicht.
Das große Thema war seit 1982 die Pflegeversicherung. Daran können sie ablesen, dass Alter mit Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt wurde. Es wurde nicht gesehen, wie viele Jahre aktiven Lebens auch nach dem Ende der Erwerbsarbeit tatsächlich praktiziert wurden.
EiZ: Wie hat sich das Bild vom Alter seitdem verändert?
Süssmuth: In den letzten zehn Jahren sind die Potenziale des Alters viel stärker in den Vordergrund gerückt – Themen wie lebenslanges Lernen, möglichst lange selbstständig bleiben, und dass die Erfahrungen der Älteren auch am Arbeitsplatz gebraucht werden. Die 80er Jahre waren noch voll davon bestimmt, dass Frühpensionierung das Beste sei.
Das hat sich gewaltig verändert. Altersbilder sind heute auch von der gestiegenen Lebenserwartung geprägt – von der Erkenntnis, dass 70-jährige häufig wie 60-jährige wirken.
EiZ: Heißt das, dass die Potenziale des Alters schon ausreichend anerkannt sind?
Süssmuth: Nein. Wir befinden uns in einem Veränderungsprozess, doch manche verharren noch in alten Vorstellungen. Im Gesundheitswesen war die Diskussion bis vor kurzem von den Kosten bestimmt, die die älteren Menschen verursachen.
In der Politik wird dagegen heute viel mehr gefragt: Wie kann ich gesund und aktiv älter werden? Und wie kann ich meine Kräfte nicht nur im engsten Familienbereich, sondern auch in der Gesellschaft einsetzen?
EiZ: Oft stehen auch in der politischen Diskussion ökonomische Erwägungen im Vordergrund...
Süssmuth: In der Tat spielen beim demografischen Wandel wirtschaftliche Fragen eine zentrale Rolle. Die jüngere Generation hat ein Recht darauf zu fragen: Wie ist die Balance, was wird für die Älteren getan und was für die Jüngeren? Soll die Verlängerung des Arbeitslosengelds für Ältere zu Lasten der Jüngeren gehen? Aber der Generationenkampf wird stärker herbeigeredet als von der Jugend selbst praktiziert.
Wir finden heute weitaus stärker generationenübergreifende Ansätze. Was können die Jüngeren für die Älteren tun, und was tun die Älteren für die Jüngeren? Bei diesem Austausch sehe ich heute wieder mehr positive Anzeichen als vor 20 Jahren.
EiZ: Im dritten Altenbericht der Bundesregierung habe ich den Satz gefunden: „In den Printmedien wird häufiger über alte Menschen geschrieben als dass sie selbst zu Wort kommen.“ Mein Eindruck ist: Das trifft immer noch zu. Was meinen Sie?
Süssmuth: Da geht es den alten Menschen wie anderen Gruppen auch, zum Beispiel den Migranten. Oder wie früher den Frauen. Es wird ständig über jemanden geschrieben und wir machen Politik für bestimmte Gruppen – aber nicht mit bestimmten Gruppen.
EiZ: Wie kann man sie stärker einbeziehen?
Süssmuth: Das ist gar nicht so schwer. Als Zeitungsredakteur zum Beispiel könnte man sie direkt zur Beteiligung aufrufen. Wenn Menschen selbst zu Wort kommen, ihre Biografien erzählen, kann das sehr eindringlich sein. Davon nehmen wir ganz anders Notiz.
Auch von Migranten gab es lange Zeit keinerlei Erfolgsgeschichten. Bei Älteren gibt es viele solcher Geschichten, zum Beispiel was sie in der ambulanten Pflege leisten. Oder wie sie neue Wohnformen entwickeln. Denn ältere Menschen haben nicht nur Erfahrung, sie sind auch innovativ. In dem Maße, wie die vielen Initiativen der Älteren öffentlich werden, verändern sich auch Bilder und Vorstellungen.
Es sind weit mehr ältere Menschen in den Kommunen aktiv als es bekannt gemacht wird, nicht allein im Sozialen, sondern ebenso im Kulturellen und Politischen.

