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Henning Scherf, Bremer Bürgermeister a. D.: "Ihr habt das Leben vor euch, nicht hinter euch"

Datum: 19.06.2007

Im Herbst 2005 verkündete der damalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD) seinen Abschied aus der aktiven Politik. Er wolle "nicht mit den Füßen voran aus dem Rathaus getragen" werden, so Scherf damals. Den sogenannten Ruhestand nutzt der rastlose Expolitiker für zahllose Aktivitäten, für die er früher nie Zeit hatte.

Zum Beispiel, um Bücher zu schreiben: Mit seinem Erfahrungsbericht „Grau ist bunt“ will er andere ermutigen, aus dem Alter etwas zu machen – „bevor es etwas aus einem macht“.

Erfahrung ist Zukunft (EiZ): Herr Scherf, Sie waren Jahrzehnte lang Berufspolitiker, davon viele Jahre in der vordersten Reihe. Nun sind sie schon seit einer kleinen Weile nicht mehr aktiv. Wie geht es Ihnen damit?

Henning Scherf: Wunderbar. Ich widme mich neuen, sympathischen Aufgaben. Ich bin die Politik losgeworden, und damit bestimmen nicht mehr andere über meine Termine.

EiZ: Sie schrieben 2006 in ihrem Buch, sie befänden sich in der Phase des nachberuflichen „Honeymoon“...

Scherf: Das hält noch an! (lacht)

EiZ: War es für Sie schwierig, sich im nachberuflichen Leben einzurichten?

Scherf: Nein. Ich habe ja lange daran gearbeitet. Ich bin sehr glücklich, dass es mir gelungen ist, einen guten Zeitpunkt zu finden.

Und ich habe sofort nach dem Abschied wunderschöne neue Aufgaben bekommen. Ich habe angefangen, das Buch zu schreiben, Orgel zu spielen, Aquarelle zu malen, bin Präsident des deutschen Chorverbandes. Ich habe meine Enkelkinder entdeckt. Und ich habe angefangen, für Projekte meiner Frau zu arbeiten. Wir arbeiten täglich für die Stiftung „Pan y arte“, die in Nicaragua Kulturprojekte für arme Kinder organisiert.

EiZ: In Ihrem Beruf begegnet man ständig neuen Problemen und trifft viele verschiedene Menschen. Hatten Sie nach dieser intensiven Zeit überhaupt noch Lust auf neue Eindrücke?

Scherf: Ja. Das hilft mir sogar. Ich finde, es ist ein großer Fehler, sich in ein Loch fallen zu lassen. Zu sagen: Ich mache überhaupt nichts mehr, sitze nur noch da und warte aufs Fernsehprogramm oder aufs Essen.

Ich rate allen, die in so einer Lage sind wie ich: Kuckt euch um, sucht euch eine ehrenamtliche Aufgabe – wo können mich andere gebrauchen? Mischt euch ein, fordert euch – im Sport oder im Kulturellen. Geht auf andere zu, sucht die Nähe von Menschen. In dem Maße, in dem ihr das schafft, bleibt ihr fit, bleibt ihr – lebendig. Und ihr entdeckt, dass ihr ein Leben vor euch habt und nicht hinter euch.

EiZ: Unsere Gesellschaft definiert sich über Arbeit – und tut sich schwer, andere Tätigkeiten als die klassische Erwerbstätigkeit angemessen anzuerkennen …

Scherf: Das ist ein riesiges Problem. Wir werden jetzt noch mehr Alte; gleichzeitig kommen weniger nach, die in den traditionell definierten Berufen arbeiten. Wir müssen uns dringend auf breiter Ebene über die veränderte demografische Lage verständigen.

Die vitalen, verantwortungsbereiten Älteren sind eine Riesenchance für unsere Gesellschaft. Für den Einzelnen wie für die Gesellschaft ist es hochwillkommen, wenn sich Menschen engagieren. Viele andere tun das genauso wie ich; in meinem Alter sind es über 40 Prozent.

EiZ: Wie kann man sich auf das Rentenalter vorbereiten – haben Sie einen praktischen Rat?

Scherf: Nicht nur darüber nachdenken, sondern möglichst rechtzeitig auch mit Freunden darüber reden. Je mehr ich darüber nachgedacht habe und je mehr ich gelernt habe, darüber zu reden, desto weniger bedrohlich wurde es. Wenn es nicht reicht, mit Freunden zu reden, dann kann man sich auch Vorbilder suchen: Wem ist es gelungen?

Und wenn das auch nicht reicht, dann kann man sich auch fachkundigen Rat holen. Es gibt Psychologen und Beratungsstellen, die sich gezielt mit dieser Übergangsituation beschäftigen. Das zu nutzen, ist klug. Damit sollte man am besten früh anfangen.

EiZ: Um einen Einblick in den Alltag eines aktiven Senioren zu bekommen: Was machen Sie heute noch?

Scherf: Lesen Sie mein Buch (lacht)! Ich bin von morgens bis abends unterwegs. Das kann ich ihnen jetzt nicht alles aufzählen, das würde eine Stunde dauern.

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