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Engagement statt Ruhestand: "Irgendwann ist das Urlaubsgefühl vorbei"

Datum: 29.03.2007

Nach dem Arbeitsleben orientieren sich viele Menschen neu. Immer mehr engagieren sich freiwillig in sozialen oder kulturellen Projekten. Doch welche Tätigkeit ist geeignet? Beratungsstellen wie die Seniorenbüros helfen beim Einstieg in die Freiwilligenarbeit.

Sein ganzes Arbeitsleben über hatte er Maschinen und Anlagen gebaut und gewartet. Am ersten Tag seines Ruhestands stand der Ingenieur im Büro von Ulrich Kluge. „Er wollte sich freiwillig engagieren. Allerdings wollte er genau das machen, was er vorher gemacht hatte. Am besten täglich von 8 bis 16 Uhr“, erinnert sich Ulrich Kluge, Leiter des Seniorenbüros in Hamburg.

Immer mehr Menschen beginnen nach dem Erwerbsleben eine ehrenamtliche Tätigkeit. „Irgendwann ist das Urlaubsgefühl vorbei, und sie suchen neue Betätigungsfelder“, beschreibt Kluge die Motivation vieler „frischgebackener“ Ruheständler. Einige möchten dabei ihre Berufserfahrungen weiter einsetzen. Viele streben auch ausdrücklich etwas Neues an, um ein Gegengewicht zu ihrem früheren Berufsleben schaffen.

Seniorenbüros wie das in Hamburg verstehen sich als erste Anlaufstelle. Sie informieren über die Chancen des freiwilligen Engagements. Gemeinsam mit den Freiwilligen beraten sie, welche Kompetenzen diese einsetzen möchten, und vermitteln geeignete Tätigkeiten. Bundesweit gibt es etwa 200 dieser Einrichtungen, die auf ein Modellprogramm des Bundesfamilienministeriums Anfang der 90er-Jahre zurückgehen.

Die Engagementlotsen

In Hamburg sind neben dem hauptamtlichen Geschäftsführer Ulrich Kluge noch sechs ehrenamtliche „Engagementlotsen“ tätig. Ihre Beratung erfüllt eine wichtige Funktion für alle Dienste, die auf freiwillige Mitarbeit angewiesen sind. Denn es mangelt zwar nicht an Hilfswilligen – aber „viele wissen nicht so recht, was ihnen vorschwebt“, erläutert der Geschäftsführer.

Die Freiwilligen und ihre Tätigkeit sollten zueinander passen. Denn nur so nützt das Engagement allen Beteiligten – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es auch von Dauer ist. „Wir fragen, was die Freiwilligen einbringen möchten, was ihre Fähigkeiten sind und in welchem Bereich es für sie passen könnte“, so Kluge. Im ausführlichen Beratungsgespräch bekommen sie dann zwei oder drei Adressen genannt. „Nach einer Weile fragen wir nach, ob die Interessenten zufrieden sind oder ob sie lieber etwas anderes machen wollen“, erklärt der Leiter des Seniorenbüros.
  
JOB AG und Generationentandem

Ob pensionierter Biologielehrer oder Kauffrau im Ruhestand: Dass die Lotsen den Wünschen der Freiwilligen entsprechen können, ist angesichts der vielen Möglichkeiten beinahe sicher. „Prinzipiell lässt sich für jeden etwas finden“, sagt Kluge.

Im Hamburger Stadtteil Niendorf zum Beispiel unterstützen Ältere in der JOB AG Schulabgänger bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz; ehrenamtliche Pflegebegleiter unterstützen Angehörige demenzkranker Menschen, und die Zeitzeugenbörse fördert den Erfahrungsaustausch der Generationen: Sie organisiert Schulbesuche und gibt eigene Publikationen heraus.

Seit Kurzem übernehmen auch Tandems aus jeweils einem jüngeren und einem älteren Freiwilligen gemeinsam Aufgaben. Das Projekt „Ge-Mit“ wird vom Seniorenbüro gemeinsam mit der Hamburger Diakonie getragen. Es gehört zu den generationenübergreifenden Freiwilligendiensten, die das Bundesfamilienministerium fördert. 

Ausdrücklich erwünscht sind Eigeninitiative und aktive Mitgestaltung. Dabei helfen in Hamburg auch etwa 50 seniorTrainerinnen und -Trainer. Sie konnten sich im Rahmen des Bundesmodellprogramms  „Erfahrungswissen für Initiativen“ ausbilden lassen. Nun beraten sie Freiwilligeninitiativen, bauen neue Projekte auf und vernetzen die verschiedenen selbst organisierten Projekte untereinander.

Kritische Distanz

Auch wenn das Engagement Spaß macht und ein Gewinn für alle Beteiligten ist: Fast immer stellt der Einsatz hohe Anforderungen an soziale Kompetenz, Belastbarkeit und Organisationstalent. Meist bringen ältere Freiwillige aufgrund ihrer Lebenserfahrung eine gesunde kritische Distanz mit, die ihnen hilft, die Anforderungen zu bewältigen. Gefragt sind gleichzeitig Zielorientierung und Gelassenheit, sagt Kluge: „Wir brauchen Leute, die ihrem Ziel nicht blind hinterherlaufen.“

Kluge empfiehlt Freiwilligen darüber hinaus, sich auf die Bedingungen ihres neuen Engagements probeweise einzulassen. Denn „die Tätigkeit kann sich nicht an die Freiwilligen anpassen.“ Den rastlosen Ingenieur zum Beispiel hat der Berater nicht wieder gesehen. „Aber das war ein einzigartiger Fall“, weiß er.

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