Ehrenamtliches Engagement von Älteren: Gefordert und gefördert
Datum: 30.10.2006
In Nürnberg erleichtern "Grüne Damen" mit ihrem ehrenamtlichen Besuchsdienst den Alltag im Krankenhaus und im Seniorenzentrum Martha-Maria. Lydia Berger (72) ist seit 25 Jahren dabei. "Wir Damen helfen beim gemeinsamen Frühstück, geben den Leuten zu trinken. Wir fahren sie spazieren, üben mit ihnen laufen, werfen mit ihnen einen Ball, besuchen sie am Bett, reden mit ihnen. Ich bringe zum Beispiel jeden Donnerstag um viertel nach neun eine Frau zur Reha. Sie wartet schon immer sehnsüchtig an der Tür. Dann hole ich sie wieder ab und gehe mit ihr eine Runde durch den Garten.", erzählt die 72jährige. Von einer materiellen Gegenleistung für Ihren Einsatz will die rüstige Seniorin im Gespräch mit der Nürnberger Zeitung nichts wissen: "Ich kriege viel Freude geschenkt und das Gefühl gebraucht zu werden. Das ist befriedigend."
In Erlangen sitzt Klaus Thelenberg konzentriert vor dem Computerbildschirm. Thelenberg, Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, Jahrgang 1940, arbeitete früher als Organisationsreferent und war nebenberuflich als PC-Kursleiter tätig. Heute ist Klaus Thelenberg ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Projekt "Wir für jung und alt" des Seniorenbüros Erlangen. Er arbeitet in der Leitung des "Seniorennetzes Erlangen" mit, ist als Kursleiter und Tutor in PC-Kursen aktiv und steht mit Rat und Tat der "PC-Hilfe" des Hard- und Software-Teams zur Seite. Damit ist Klaus Thelenbergs Engagement jedoch nicht am Ende. Als Schriftführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (kurz BaS), einem Zusammenschluss der Träger von Seniorenbüros, ist Thelenberg mit zuständig für die Bereiche Fortbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Die BaS fördert das freiwillige Engagement älterer Menschen. Möglich ist das wiederum nur durch den unermüdlichen Einsatz von ehrenamtlichen Mitarbeitern.
Im Bundesmodellprogramm "Erfahrungswissen für Initiativen" (EFI) wurden rund 1000 seniorTrainer und seniorTrainerinnen geschult, die vergleichbare Projekte aufbauen oder Freiwilligenintiativen beraten und begleiten. Sie sind bisher schon in rund 4000 Projekten aktiv geworden als Initiator, Berater und Begleiter, Vernetzer und Koordinator. Vor Ort haben sie sich zu seniorKompetenzteams zusammengeschlossen, die als Impulsgeber für freiwilliges Engagement in der Kommune wirken.
Hintergrund: Ältere im Ehrenamt
Ob in Kultur, Sport, Kirche, Gesundheit, Soziales, Umwelt und Natur, den Parteien, Jugendverbänden, Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen - unsere Gesellschaft lebt von der Bereitschaft seiner Bürgerinnen und Bürger für den ehrenamtlichen Einsatz. Jährlich am 2. Dezember wird in Deutschland deshalb der Tag des Ehrenamtes begangen, um Bürgerinnen und Bürger zu würdigen, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagieren. An besonders engagierte Personen vergibt der Bundespräsident an diesem Tag den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Heute brauchen wir ehrenamtliches Engagement mehr denn je. Gegenseitige Unterstützungs- und Hilfeleistungen innerhalb der Familien reichen angesichts immer komplizierterer Lebensbedingungen oft nicht mehr aus.
Vor dem Hintergrund, dass Deutschlands Bevölkerung immer älter wird, gewinnt insbesondere das ehrenamtliche Engagement älterer Menschen immer mehr an Bedeutung. Im Jahr 2050 wird mehr als ein Drittel aller Deutschen über 60 Jahre alt sein. Die Lebenserwartung steigt glücklicherweise weiter an. Von einer stark eingeschränkten Leistungsfähigkeit ab 60 kann keine Rede sein. Senioren und Seniorinnen sind mit ihrer Lebenssituation insgesamt zufriedener und bleiben länger gesund als frühere Generationen. Viele wollen die "gewonnenen Jahre" nicht nur für sich, sondern auch für die Allgemeinheit gewinnbringend nutzen, indem sie sich ehrenamtlich engagieren. Mit ihren in Ausbildung und Beruf erworbenen Qualifikationen und sozialen Kompetenzen bergen ältere Mitbürgerinnen und Bürger einen Schatz an Erfahrungen in zahllosen Feldern.
Die Vielzahl der Projekte und Projektideen zeugt davon, dass Kreativität und Innovationskraft auch im höheren Lebensalter anzutreffen sind. Gemeinnützige Vereine und Organisationen sind froh, auf die Potentiale Älterer zurückgreifen zu können. Nach dem Freiwilligensurvey des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigen 40 Prozent der 40-65-Jährigen in Deutschland freiwilliges Engagement. Bei den älteren Menschen im Alter ab 60 Jahren gab es in den letzten Jahren eine deutliche Steigerung des freiwilligen Engagements. Die Engagementquote stieg von 26 % (1999) auf 30 % (2004). (Freiwilligensurveys 1999 und 2004). In der Gruppe der jüngeren Senioren, d.h. der 60- bis 69-Jährigen, erhöhte sich das Engagement sogar von 31% auf 37%, begleitet von einer enorm gesteigerten Bereitschaft von nicht Engagierten, sich freiwillig zu engagieren.
Generationenübergreifende Freiwilligendienste
In diesem Zusammenhang fördert die Bundesregierung das freiwillige Engagement älterer Menschen, zum Beispiel durch das Einrichten generationenübergreifender Freiwilligendienste.
Bei dieser neuen Form der Freiwilligendienste sollen insbesondere die Lebenserfahrung und die besonderen Potentiale der älteren Generation gezielt genutzt werden. Unter Einbindung sowohl des klassischen Vereins- und Verbandslebens als auch neuer Formen des bürgerschaftlichen Engagements werden Freiwilligendienste für alle Altersgruppen, für Frauen und Männer in der Erwerbs- wie in der Familienphase sowie generationsübergreifend angeboten. Hieraus sollen eine stärkere Zivilgesellschaft, mehr Solidarität zwischen den Generationen und eine Kultur des Miteinanders erwachsen.
Das bundesweite Modellprogramm "Generationsübergreifende Freiwilligendienste" wurde 2005 mit rd. 50, zum Teil mehrgliedrigen, Projekten gestartet. Die mehr als 430 Einsatzstellen der Freiwilligen sind u.a. Schulen, Familien, Stadtteilzentren, stationären Einrichtungen und Hospizen.Die Einschränkung ist jedoch, dass Freiwillige keine qualifizierten Fachkräfte ersetzen, sondern diese lediglich sinnvoll unterstützen bzw. ergänzen. "Ich habe es schon erlebt, dass ehrenamtliche Helfer eingesetzt werden sollten, weil man junge Fachkräfte gekündigt hatte. Die waren dann arbeitslos", weist Klaus Thelenberg vom "Seniorennetz Erlangen" auf die Gefahr eines Missbrauchs des Ehrenamts hin. "Besonders für ehrenamtlich arbeitende Senioren sollte gelten, dass Sie niemanden Arbeit wegnehmen sollten. Auch für unsere handwerkliche, ehrenamtliche Arbeit gilt daher der Grundsatz: Wir nehmen nur Arbeiten an, an denen das Handwerk nicht interessiert ist - und sei es, weil der "Kunde" nicht bezahlen kann."
seniorTrainer/innen und seniorKompetenzteams (Modellprogramm EFI)
Das Konzept des Modellprogramms "Erfahrungswissen für Initiativen" (EFI), in dem freiwillig engagierte seniorTrainer und seniorTrainerinnen in neuen Verantwortungsrollen für das Gemeinwesen aktiv sind, wird u.a. von den Bundesländern aufrecht erhallten, ausgebaut und weiterentwickelt. Innerhalb des kommenden Jahres ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der 35 im Modellprogramm beteiligten Standorte in einem ersten Schritt auf mindestens 80 Standorte erweitern wird. Das freiwillige Engagement älterer Menschen erhält so eine qualitative Aufwertung und aufgrund der Multiplikatorenwirkung der seniorKompetenzteams eine zahlenmäßige Erweiterung. SeniorTrainerinnen und seniorTrainer haben sich bundesweit zum Verein EFI-Deutschland zusammengeschlossen, um den bundesweiten Erfahrungsaustausch auch weiterhin zu gewährleisten.
Engagieren und gewinnen
Die Motive von Seniorinnen und Senioren, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig: Solidarität und Verantwortungsbewusstsein, die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen, die Suche nach sozialem Kontakt, der Wunsch, sich neue Erlebniswelten zu erschließen oder einfach das Gefühl, gebraucht zu werden.
Klaus Thelenberg musste aus gesundheitlichen Gründen mit 61 Jahren in den Ruhestand gehen. Seine ehrenamtliche Tätigkeit gibt ihm nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Gelegenheit zur Mitgestaltung gesellschaftlicher Prozesse, zur Selbstverwirklichung sowie zu einer positiven Selbstdarstellung. "Nicht zuletzt tut die Anerkennung die manerfährt - bis hin zum ehrlichen Dank- auch persönlich sehr gut. Auch wenn es nur wenige zugegeben, durch das verfrühte Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben sind viele der "jungen Senioren" doch recht gekränkt bis verbittert. Durch ehrenamtliches Engagement können solche "Krisen" und negative Lebenshaltungen vermieden bzw. leichter überwunden werden."
Für Klaus Thelenberg ist das ehrenamtliche Engagement älterer Menschen in Deutschland "erfreulich hoch, aber immer noch zu gering. Die Probleme, die der demographische Wandel mit sich bringt, werden ja erst jetzt zögernd in den Kommunen erkannt. Potentiale gibt es genug, aber es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten."

