Wissen weitergeben
Datum: 16.05.2006
"Lesen ist die Grundvoraussetzung für eigentlich alles im Leben", weiß Jutta Otto, früher Grundschuldirektorin und heute Lesebegleiterin. Um Lesefreude und Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern im Grundschulalter zu stärken, hat sie das Projekt "Leseförderung" ins Leben gerufen.
Quelle: EiZ/Rebekka Brather
Aktiv im Alter
An drei Grundschulen in Würzburg helfen acht Lesebegleiter Kindern beim Lesen lernen. Das Besondere an dem Projekt: Die Lesebegleiter sind vorwiegend Seniorinnen und Senioren, angeleitet von der seniorTrainerin Jutta Otto. Das Engagement der Lesebegleiter entlastet Lehrerinnen und Lehrer: Ihnen fehlt oft die Zeit, mit besonders lernstarken oder lernschwachen Kindern individuell oder in Kleingruppen zu üben. Häufig gelingt es den Lesebegleitern, Interesse zu wecken und die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Gerade für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache ist das Angebot eine wertvolle Unterstützung und hilft bei der Integration.
Jutta Otto, 65, ist eine von mittlerweile rund 1.000 seniorTrainerinnen in Deutschland. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das Modellprogramm "Erfahrungswissen für Initiativen" (EFI) im Jahr 2002 gestartet, um ältere Menschen für das Hineinwachsen in neue Verantwortungsrollen zu qualifizieren.
Denn Seniorinnen und Senioren sind heute so lange körperlich und geistig leistungsfähig wie keine Generation vorher - und viele wollen auch nach dem Berufsleben in der Mitte der Gesellschaft aktiv bleiben. Sie sind kompetent und kreativ und besitzen Erfahrungswissen, das oft zu wenig genutzt wird. Das Modellprogramm hat in den vergangenen Jahren durch engagierte Trainerinnen und Trainer in ganz Deutschland viel bewegt.
Kurse vermitteln mehr Kompetenzen und Selbstbewusstsein
Ziel des Modellprogramms "Erfahrungswissen für Initiativen" ist es, ältere Menschen fit zu machen, damit sie ihre vielfältige Lebenserfahrung in Beruf, Familie und Ehrenamt weitergeben können - im Interesse aller Generationen. "Viele ältere Menschen haben zwar ein reiches Fachwissen. Um Erfahrungswissen im Rahmen von freiwilligem Engagement weiterzugeben, muss jedoch ein ganz anderes Rollenverhalten praktiziert werden", so Joachim Braun, Leiter des für die Projektkoordination und wissenschaftliche Begleitung des Modellprogramms verantwortlichen Institutes für Sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB). Dafür braucht es auch pädagogische Kompetenzen, die Fähigkeit zur Teamarbeit und Erfahrung im Projektmanagement. In speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Kursen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer deshalb mit Modulen wie Grundlagen der Verhandlungsführung, Öffentlichkeitsarbeit und Projektplanung geschult. Darüber hinaus lag der Fokus der Kurse auf der Stärkung persönlicher Kompetenzen. Entscheidend für den Erfolg ist die Ermutigung der älteren Menschen, ein Projekt neu zu starten und sich selbstbewusst und aktiv einzubringen. Nach Abschluss des Kurses werden die seniorTrainerinnen von örtlichen Anlaufstellen bei Ihrem Einsatz für Initiativgruppen begleitet und unterstützt.
Auch Jutta Otto ist auf diesem Weg zur SeniorTrainerin geworden: "Ich wusste, dass ich mich auch nach dem aktiven Berufsleben engagieren wollte. Die Projektidee der Lesebegleitung ist dann im seniorTrainerinnen-Kurs entstanden", so die ehemalige Grundschuldirektorin.
Die seniorTrainerinnen nehmen nicht nur für ihr Engagement für andere, sondern auch für sich selbst viel mit: Die hohe Zufriedenheit der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer von über 90 Prozent spricht für die hohe Qualität des Curriculums. Eine Vergleichsgruppenuntersuchung von Prof. Dr. Staudinger (International University Bremen) weist nach: Bei den Absolventen haben soziale Kompetenz, die Fähigkeit zur Bewältigung von kritischen Lebenssituationen und Stressverarbeitung zugenommen. Die wichtigste Erkenntnis heißt: Weiterentwicklung ist auch in höherem Lebensalter möglich.
Über 3.000 Projekte gestartet
Für den Erfolg des Modellprogramms "Erfahrungswissen für Initiativen" spricht zudem die hohe Zahl der realisierten Projektideen: Vier von fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben nach Kursabschluss ein ehrenamtliches Engagement aufgenommen und insgesamt bereits über 3.000 sehr unterschiedliche Projekte initiiert: Von der Projektidee "Leseförderung" von Jutta Otto bis hin zum persönlichen Coaching von Hauptschülerinnen und -schülern beim Berufseinstieg und der gesellschaftlichen und beruflichen Wiedereingliederung von Straftätern. In 35 Kommunen wurden mit Unterstützung von Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen und Selbsthilfekontaktstellen neue Verantwortungsrollen für Ältere unter der Bezeichnung "seniorTrainerin" erprobt.
Diese Zahl der durch seniorTrainerinnen initiierten Projekte kann und soll weiter steigen, denn das Potenzial älterer Menschen für freiwilliges Engagement ist hoch: Der Freiwilligensurvey des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat zwischen den Jahren 1999 und 2004 eine hohe Steigerungsrate beim ehrenamtlichen Engagement älterer Menschen ausgewiesen. Besonders stark ist der Anstieg in der Gruppe der 56-65-Jährigen, auch das Engagement der über 65-Jährigen ist stark gestiegen. Ältere Menschen haben ein größeres politisches Interesse und ein höheres Bedürfnis, unsere Welt mitzugestalten, gezeigt als andere Altersgruppen.
Neue Perspektiven: die seniorKompetenzteams
Das Modellprogramm "Erfahrungswissen für Initiativen" endet mit dem Jahr 2006. Das Projekt aber geht weiter: Mit der Bildung von seniorKompetenzteams in zahlreichen Kommunen beginnt eine neuer Abschnitt. In vielen der beteiligten Städte - unter anderem in Arnsberg, Cottbus und Minden - haben sich die seniorTrainerinnen bereits zu seniorKompetenzteams zusammengeschlossen. Die eigenverantwortlich organisierten Teams bieten eine Struktur, in der die Ehrenamtlichen - neben ihren individuellen Projekten und Aktivitäten im Gemeinwesen - als Team ihr Engagement reflektieren, organisieren, gestalten und bekannt machen können. SeniorKompetenzteams sind ein wichtiger Eckpfeiler zur Sicherung der Nachhaltigkeit des seniorTrainerinnen-Engagements. Sie unterstützen die Verantwortungsübernahme Älterer im Gemeinwesen und die Weitergabe ihres Erfahrungswissens auf vielfältige Weise. Einige Kompetenzteams haben die Möglichkeit erhalten, sich an dem neuen Modellprogramm "Generationenübergreifende Freiwilligendienste" zu beteiligen. Dabei sollen Freiwilligendienste auch durch ältere Freiwillige selbst aufgebaut werden können - und nicht nur durch große Verbände. Auch beim Aufbau der Mehrgenerationenhäuser will das Bundesfamilienministerium seniorKompetenzteams mit einbeziehen.
FAKTEN: Das Modellprogramm "Erfahrungswissen für Initiativen"
Das Modellprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird derzeit in zehn Bundesländern durchgeführt. In 35 Kommunen werden von 2002 bis 2006 mit Unterstützung der Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen und Selbsthilfekontaktstellen neue Verantwortungsrollen für Ältere unter der Bezeichnung "seniorTrainerin" erprobt. Durch überörtliche Bildungsträger werden zur Vorbereitung hierfür Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Das Institut für Sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB), die Fachhochschule Neubrandenburg und das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG), sind mit der wissenschaftlichen Begleitung des Modell-programms beauftragt. Das ISAB ist zudem verantwortlich für die Projektkoordination.
