Produktdesign für alle
Datum: 13.05.2008
Gibt es tatsächlich ein Design für alle? Haben ältere Menschen andere Ansprüche als jüngere? Tatsächlich profitieren alle, wenn Designer die Anforderungen der Generation 50plus bei der Entwicklung neuer, vor allem technischer Produkte berücksichtigen, so das Expertenfazit.
Quelle: Bundesregierung/ Ute Grabowsky
Vom Design für Ältere profitieren alle
"Niemand wird sich selbst zum alten Eisen zählen, indem er ein Produkt kauft, bei dem äußerlich sichtbar ist, dass es für ältere Leute gedacht ist." Davon ist Heiner Bubb überzeugt. Er ist Professor am Lehrstuhl für Ergonomie an der Technischen Universität München und einer der Hauptredner bei der Tagung "Produktdesign für alle: FÜR JUNGE = FÜR ALTE?", die am 15. und 16. Mai in Dresden stattfindet.
Produktdesignerinnen und -designer scheinen vor einem Dilemma zu stehen: Sollen sie ihre Erzeugnisse seniorenspezifisch gestalten, damit aber nicht werben, oder sollten sie sich um eine Gestaltung bemühen, die von allen Altersgruppen zwischen zehn und 90 Jahren akzeptiert wird?
Was für Ältere gut ist, nützt auch Jüngeren
Ob Handys, Computer oder Autos: Nach zahlreichen Untersuchungen von Produkten, die für Ältere optimiert wurden, kommt Bubb zu dem Ergebnis: "Wenn man Produkte so gestaltet, dass ältere Leute damit besser zurechtkommen, nützt es gleichzeitig den Jungen."
Im Laufe des Lebens lässt zwar beispielsweise die Fähigkeit der Augen nach, sich auf Nähe einzustellen. Aber das können entsprechend gestaltete Handy-Displays kompensieren, mit denen auch Jüngere sehr viel besser klarkommen. Selbst der Verlust der Feinkoordination, der es Älteren schwer macht, das Zusammenspiel von Maus und Bildschirm am Computer zu steuern, lässt sich auch zum Nutzen jüngerer Menschen ausgleichen. So könnte der klickempfindliche Bereich von Tasten auf dem Bildschirm erweitert werden, ohne dabei die Tastenbilder selbst vergrößern zu müssen. Denn die optimale Schriftgröße ist für Alte wie Junge gleich.
Ideale Bedingungen für alle Generationen
Dass Geländewagen sich so gut verkaufen, auch wenn sie eigentlich nicht angebracht sind, liegt laut Bubb auch daran, dass sie eine höhere Sitzposition und ein einfacheres Einsteigen ermöglichen. Das ist gleichermaßen für Junge und Alte bequem. Ein VW Golf Plus, ursprünglich für ältere Autofahrer entwickelt, hat dagegen inzwischen schon den abwertenden Spitznamen Golf "60" Plus erhalten.
Wenn es um die Arbeitsplatzgestaltung geht, kommt Susan Freiberg vom BGAG – Institut Arbeit und Gesundheit zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie ist Mitorganisatorin der Tagung und fand heraus, dass es für ältere Mitarbeiter angenehmer ist, wenn sie mehr Licht im Büro haben oder wenn Werkstücke und Werkzeuge bessere Halterungen bekommen. Ihr Resümee: "Am Ende haben wir dann doch festgestellt, dass das, was für Ältere gut ist, für Jüngere genauso günstig ist."
Oft ist es gar nicht die Technik an sich, die den Älteren das größte Kopfzerbrechen bereitet, sondern es sind unhandliche Verpackungen, schlechte Beschriftungen und Kauderwelsch in Bedienungsanleitungen. Das ergab eine Untersuchung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).
Probleme mit Gebrauchsanweisungen
In der Tat können sich an Gebrauchsanweisungen die Geister scheiden, wie Martin Galbierz vom TÜV Süd in Essen ausführt: „Die Sprache soll sich am Sprachschatz der Zielgruppe im täglichen Leben orientieren. Damit sind Sprachkonflikte zwischen den Generationen unausweichlich. Anglizismen, Fachtermini und Abkürzungen erweisen sich häufig als unüberwindbare Hürden.“ Während sich jugendliche Käufer mit Begriffen wie "cool" und einer Anrede in Du-Form identifizieren können, fühlen sich Ältere dadurch nicht ernst genommen.
Problematisch sind auch dreidimensionale Abbildungen, die zwar sehr anschaulich, durch die Sehveränderungen im Alter aber von der Generation 50plus oft nur schwer durchschaubar sind. "Um Gebrauchsanleitungen für unterschiedliche Altersgruppen zu schreiben, braucht es Geschick und Fingerspitzengefühl, aber auch redaktionelle Kompetenz", ist Galbierz’ Fazit.
Das gilt auch für die Produkte selbst. Für Heiner Bubb gibt es keine Unterschiede in den kognitiven Eigenschaften von Alten und Jungen: "Ältere Menschen sind aufgrund ihrer Lebenserfahrung in der Lage, viele Handicaps zu kompensieren, so dass nach außen hin kein Unterschied zu sehen ist." Für Produktdesignerinnen und -designer heißt das, bei ihren Gebrauchstests wirklich alle Altersgruppen einzubeziehen. Denn alte Menschen sind kritischer und anspruchsvoller. Ihre Hinweise zur Gebrauchstauglichkeit machen Produkte auch für jüngere Generationen bequemer und sicherer.
